Desinformation funktioniert selten mit frei erfundenen Geschichten. Häufig wird ein wahrer Kern mit einer irreführenden Erzählung vermischt. Genau deshalb wirken viele Falschinformationen glaubwürdig – und verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Das Bild zeigt Feuerwehrleute beim Einsatz gegen einen Waldbrand nahe der französischen Stadt Arès, am 28. Juli 2026. (Keystone / AP Photo / Baz Ratner, Pool)
Der Sommer 2026 hat bereits mehrere Temperaturrekorde gebrochen. In der Schweiz wurden im Juni in Basel 39,7 Grad gemessen – ein neuer Rekord für den Monat Juni in der Deutschschweiz. Auch andere europäische Länder kämpfen mit aussergewöhnlicher Hitze: In Spanien, Frankreich, Griechenland, der Türkei und Italien führten hohe Temperaturen und trockene Bedingungen zu zahlreichen Waldbränden.
Extreme Wetterereignisse stellen jedoch nicht nur Menschen, Natur und Infrastruktur vor Herausforderungen. Sie werden auch zum Nährboden für Desinformation. Mithilfe von KI-generierten Videos, aus dem Kontext gerissenen Bildern oder irreführenden Behauptungen vermischen sich Fakten und Falschinformationen. Warum gelingt es solchen Erzählungen immer wieder, sich so erfolgreich zu verbreiten?
Narrative der Klimaskeptiker:innen
Leugnung des Klimawandels, oder der Rolle des Menschen dabei, ist keine neue Erfindung. Seit den 90er Jahren verbreiteten unter anderem Erdölkonzerne Zweifel daran, dass der Mensch einen Einfluss auf den Klimawandel hat. Mit Lobbyarbeit und vermeintlichen Expert:innen werden die Thesen verbreitet. Eine weitere Taktik ist das gezielte Streuen von Misstrauen gegen Klimaforscher:innen, um ihre Kompetenz in Zweifel zu ziehen und so ihre Forschung zu diskreditieren.
Ein prominentes Beispiel ist der Klimaforscher Benjamin Santer, der beim Weltklimarat IPCC 1995 eine Arbeitsgruppe leitete. Der Weltklimarat wurde gegründet von den Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie. Das Ziel: Die Forschung zum Klimawandel zusammenzutragen und die Mitgliedstaaten mit wissenschaftlichen Informationen zu versorgen. Für folgenden Satz im zweiten Sachstandesbericht des IPCC wurde Santer scharf kritisiert: “Nevertheless, the balance of evidence suggests that there is a discernible human influence on global climate.”
Das gezielte Anzweifeln hat System. In einem Bericht der NZZ aus dem Jahr 2024 wird aufgezeigt, wie ein Netzwerk von Klimaskeptikern Forschende angreift und denunziert. Dies, obwohl sich heute 97 % – laut mehreren Studien – der Klimawissenschaftler:inneneinig sind, dass der Klimawandel ein Fakt und zu grossen Teilen menschengemacht ist.
Laut dem Bericht «Deny, Deceive, Delay», veröffentlicht 2022 vom Institute for Strategic Dialogue (ISD) und Climate Action Against Disinformation (CAAD), hat sich die Art und Weise des Klimaleugnens in den letzten Jahren verändert. Untersuchungsobjekt war dabei die verbreitete Klimadesinformation rund um die internationale Klimakonferenz in Glasgow (COP26). Statt offen anzuzweifeln, dass es einen Klimawandel gibt, wird eher die Rolle des Menschen dabei infrage gestellt. Ebenfalls werden Massnahmen gegen den Klimawandel gezielt als wirkungslos, gefährlich oder ungerecht dargestellt. Das Portal Klimafakten.de hat in einer Infografik die vier häufigsten Argumentationsmuster aufgelistet, welche den Klimaschutz ausbremsen:
Quelle: Klimafakten.de
Geschmolzene Ampeln
Einer der grössten Treiber für die Verbreitung von Desinformation, sind die sozialen Medien. Auch im Zuge dieser Hitzewellen, haben sich einige Videos und Informationen verbreitet, die aus dem Kontext gerissen wurden, oder schlicht falsch sind.
Ein häufig geteiltes Beispiel war in diesem Sommer eine alte Titelseite der deutschen Bild-Zeitung. Sie sollte belegen, dass es «früher auch schon so heiss war» und die aktuelle Hitze deshalb nichts mit dem Klimawandel zu tun habe.
Die Aussage greift zwar einen wahren Kern auf – einzelne Hitzerekorde gab es auch früher. Sie lässt jedoch den entscheidenden Zusammenhang weg: Einzelne Wetterereignisse sagen wenig über langfristige Klimatrends aus. Wetter beschreibt kurzfristige atmosphärische Bedingungen an einzelnen Tagen oder Wochen. Klima hingegen bezeichnet die statistische Entwicklung des Wetters über mehrere Jahrzehnte. Genau diese langfristigen Veränderungen zeigen, dass Hitzewellen heute häufiger und intensiver auftreten als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Bei der Aussage «Früher war es auch heiss» werden also Klima und Wetter vermischt.
Ein weiteres Beispiel sind Videos, welche schmelzende Ampeln zeigen. Die Beiträge suggerierten, allein die hohen Temperaturen hätten die Ampeln verformt. Recherchen verschiedener Faktencheck-Organisationen zeigten jedoch, dass die Schäden jeweils durch Brände in unmittelbarer Nähe entstanden waren – nicht durch die Lufttemperatur.
Man sieht am Beispiel des Klimaleugnens, wie viel Einfluss Falschinformationen auf unser gesellschaftliches Zusammenleben haben. Im Falle des Klimawandels beeinflussen die Narrative politische Entscheidungen und behindern den Fortschritt im Klimaschutz.
Accounts, die Desinformation zum Klima verbreiten, vermischen diese Narrative oft mit anderen Themen wie Corona und generellen Verschwörungstheorien. Jennie King, Leiterin des Bereichs Klimadesinformation am Institute for Strategic Dialogue, fasst es gegenüber dem Guardian so zusammen: «Regierungen und die sozialen Medien müssen sich mit den neuen Strategien vertraut machen und verstehen, dass sich Desinformation im Klimabereich zunehmend mit anderen Gefahren überschneidet. Darunter fallen u.a. die Integrität von Wahlen, die Diffamierung der öffentlichen Gesundheitsversorgung, Volksverhetzung und die Verbreitung von Verschwörungstheorien.»
Klimaleugnung ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie Desinformation gezielt verbreitet und zur Beeinflussung eines gesellschaftlichen Diskurses genutzt werden kann. Umso wichtiger ist es, Informationen kritisch zu hinterfragen und die Mechanismen hinter Desinformation zu verstehen. Denn Falschinformationen bestehen häufig nicht aus frei erfundenen Behauptungen, sondern aus echten Fakten, die verkürzt, aus dem Zusammenhang gerissen oder irreführend eingeordnet werden.