Viele Menschen nutzten als Schwimmhilfe Schwimmringe, Autoreifen oder Neoprenanzüge, um durch das Meer Ceuta zu erreichen. (Keystone / AP Photo / Antonio Sempere)
Die meisten der zig Tausend Migrant:innen überquerten die spanische Grenze schwimmend im Meer. Sie umschwammen so die sechs Meter hohen Zäune, welche die Grenze auf dem Landweg schützen. Der Küstenort mit rund 80’000 Einwohner:innen war schnell völlig überfordert mit den Massen. Die Exklave gehört seit dem 16. Jahrhundert zu Spanien und ist zusammen mit dem Ort Melilla die einzige geografische Grenze, die Europa direkt mit dem afrikanischen Kontinent teilt.
Ein Grossteil der Migrant:innen kehrte schon nach wenigen Tagen wieder nach Marokko zurück, weil sie keine Aussicht hatten, auf das europäische Festland weiterreisen zu können. Es ist nicht das erste Mal, dass die Grenze von Ceuta schwimmend überquert wird. Bereits im Jahr 2021 gelangten 5000 meist aus Marokko stammende Menschen in die Exklave. Der marokkanischen Polizei wurde damals unterstellt, sie habe die Migrant:innen nicht aufgehalten. Als Grund wurde vermutet, die Regierung in Rabat habe damit bewusst politischen Druck auf Spanien ausüben wollen. In dieser Lesart wäre der für Marokko wichtige Westsahara-Konflikt der Grund gewesen, bei dem Spanien gegen die Interessen Marokkos agiere.
Auch dieses Mal wird spekuliert, wie es zu so einem Ansturm auf die Grenze zu Ceuta kommen konnte. Neben politischen und wirtschaftlichen Gründen werden auch immer wieder die sozialen Medien als treibende Kraft genannt. Die drei häufigsten Faktoren, die genannt werden:
1. Ein falsch interpretiertes Gerichtsurteil: Der spanische Oberste Gerichtshof entschied Ende Juni, dass Menschen, die eine Landesgrenze auf dem Meerweg überqueren, nicht direkt zurückgewiesen werden dürfen. Das Urteil wurde in sozialen Netzwerken vielfach geteilt. Dabei entstand offenbar der falsche Eindruck, wer Ceuta schwimmend erreiche, könne gar nicht zurückgeschickt werden.
2. Falschinformationen in sozialen Netzwerken: Sowohl die marokkanische als auch die spanische Regierung nannten Fake News als ein Grund für die Mobilisierung der Massen. So sollen in Gruppen auf Facebook und über andere soziale Netzwerke die Informationen verbreitet worden sein, dass die Grenze zu Spanien offen sei. Wer die Falschinformationen verbreitete, ist bisher nicht klar.
3. Weitere politische und wirtschaftliche Faktoren: Anfang des Jahres hat die Regierung unter Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez den Aufenthaltsstatus von 500’000 Migrant:innen legalisiert. Madrid will damit die Überalterung der Gesellschaft in Spanien bekämpfen, die den Sozialstaat und das Rentensystem stark belastet. Ebenfalls soll die Legalisierung dazu dienen, den Fachkräftemangel in Bereichen wie der Gastronomie oder Bauwesen zu mindern. Verschiedene EU-Länder werfen Sanchez dagegen vor, seine liberale Migrationspolitik sende falsche Signale und habe die Massenflucht nach Ceuta mitausgelöst.
Bei den Geschehnissen in Ceuta haben die sozialen Medien also vermutlich eine treibende Rolle gespielt. Die EU-Digitalkommissarin Henna Virkkunen sieht daher auch die Big-Tech-Konzerne Meta und TikTok in der Pflicht, konsequenter gegen Desinformation dieser Art vorzugehen. Viele Migrant:innen berichteten von Videos über bereitstehende Unterkünfte und Möglichkeiten zur Weiterreise auf das spanische Festland. Nichts davon bewahrheitete sich.
Die EU-Kommission hat beschlossen, nach den Vorfällen in Ceuta zukünftig soziale Plattformen genauer zu beobachten, um schneller reagieren zu können.
Migrations-Debatte und Falschinformation
Die Rolle sozialer Netzwerke endet jedoch nicht mit dem Grenzübertritt. Kaum waren Bilder des Migrationsansturms im Umlauf, wurden sie selbst zum Ausgangspunkt neuer Falschinformationen.
Videos wurden aus dem Zusammenhang gerissen, alte Aufnahmen als aktuell ausgegeben und teilweise auch KI-generierte Inhalte verbreitet. Ein Beispiel dafür ist ein Video, das angeblich die aktuellen Ereignisse in Ceuta zeigen soll:
Die Aufnahme stammt jedoch nicht aus Ceuta. Sie wurde in Toulouse aufgenommen und zeigt Ausschreitungen nach dem Champions-League-Finale. Das Video ist damit nicht grundsätzlich gefälscht – falsch ist vielmehr die Behauptung, dass es die Ereignisse in Ceuta zeigt. Den gesamten Faktencheck kann man nachlesen bei gadmo.eu.
Auch andere Aufnahmen wurden mit den aktuellen Ereignissen in Verbindung gebracht, obwohl sie bereits Jahre zuvor entstanden waren. Die NZZ berichtet beispielsweise von einem Video eines marokkanischen Grenzbeamten, das angeblich zeigen sollte, wie ein Tor nach Ceuta geöffnet wurde. Die Aufnahme ist echt, stammt jedoch aus dem Mai 2021.
Gerade solche Beispiele zeigen, wie Desinformation auch funktionieren kann: Nicht immer wird ein Bild oder Video vollständig erfunden. Oft reicht es, einen echten Inhalt in einen falschen Zusammenhang zu stellen.
Die Ereignisse in Ceuta wurden aber auch selbst zu einem Social-Media-Phänomen. Influencer berichteten vor Ort, kommentierten die Ereignisse und stellten teilweise die Berichterstattung etablierter Medien infrage. Gleichzeitig wurden Bilder von überfüllten Stränden oder Aussagen von Menschen vor Ort verbreitet, deren Kontext teilweise unklar blieb:
Die Debatte über Migration wurde dadurch zusätzlich angeheizt. Social Media beeinflusste also möglicherweise zunächst, warum Menschen nach Ceuta aufbrachen. Anschliessend beeinflusste es auch, wie die Öffentlichkeit die Ereignisse wahrnahm und nun darüber debattiert.
Falschinformationen haben eine reale Auswirkung auf die Welt, wie die Geschehnisse in Ceuta zeigen. Und es wird klar, dass sich die digitale und die physische Welt zunehmend vermischen. Dabei spielen soziale Medien eine entscheidende und im konkreten Fall auch destruktive Rolle. Denn bei der gefährlichen Flucht durchs offene Meer sind auch Dutzende von Menschen ums Leben gekommen.