Stau ist ein allgegenwärtiges Thema in der Politik. Vor dem Gubrist-Tunnel kommt es täglich zu Verkehrsverzögerungen. Als Lösung wird häufig ein Ausbau des Strassennetzes vorgeschlagen. Doch mehr Strassen lösen das Verkehrsproblem nicht unbedingt – gleichzeitig braucht es attraktive Alternativen zum Auto. Was beim Verkehr gilt, lässt sich auch auf andere gesellschaftliche Probleme übertragen: Eine einfache Lösung kann neue Probleme schaffen oder am eigentlichen Problem vorbeigehen. Auch beim Social-Media-Verbot ist deshalb die Frage: Ist weniger Zugang tatsächlich gleichbedeutend mit mehr Schutz? (KEYSTONE/Michael Buholzer)
Das sind einige der Plattformen, die seit letztem Jahr für Australier:innen unter 16 Jahren tabu sind. In einem Report von der Western Sydney University, der Queensland University of Technology und der University of Canberra geben jedoch 61% der befragten Jugendlichen an, dass sich ihre Nutzung von Social Media nicht erheblich eingeschränkt hat. Nur 25% der 10–17-Jährigen geben an, erheblich betroffen zu sein von dem Verbot.
Der Report hat neben der Wirksamkeit auch den Einfluss des Verbots auf den Nachrichtenkonsum von jungen Menschen untersucht. Für viele junge Australier:innen sind die sozialen Medien die Hauptquelle für News. 51% der Jugendlichen, welche angegeben haben, stark betroffen zu sein von dem Verbot, sagen, dass sie nun weniger Nachrichten erhalten. Das ist unter anderem alarmierend, da der News-Konsum ohnehin schon sehr eingeschränkt ist und bei vielen hauptsächlich über die sozialen Medien stattfindet. Die Verfasser:innen der Studie gehen davon aus, dass, wenn sich das Verbot wie vorgesehen bei allen Jugendlichen durchsetzt, auch der Nachrichtenkonsum und das Interesse daran drastisch sinken werden.
Auch andere Studien weisen darauf hin, dass ein Verbot allein nicht ausreicht. Eine veröffentlichte Studie im Fachjournal BMJ weist darauf hin, dass das Verbot in den ersten drei Monaten keinen nennenswerten Rückgang bei der Nutzung von Social Media bei Jugendlichen in Australien bewirkt hat. Die Autor:innen betonen jedoch auch, dass es noch zu früh sei für ein endgültiges Fazit und eine Langzeitstudie bereits in Arbeit sei.
Australien liefert damit einen ersten Hinweis auf eine Frage, die inzwischen auch Europa beschäftigt: Kann ein Verbot Kinder und Jugendliche tatsächlich schützen – und welche Nebenwirkungen hat es?
Zwischen Verbot und Regulierung
Frankreich will als erstes Land in Europa dem Beispiel von Australien folgen, stösst jedoch bei der Umsetzung eines Social-Media-Verbots auf Hindernisse. Im Juli 2026 verabschiedete das Parlament in Frankreich einen Gesetzesentwurf, der den Zugang zu sozialen Plattformen für Jugendliche unter 15 Jahren verbietet. Das Gesetz hätte bereits am 1. September dieses Jahres in Kraft treten sollen. Das Vorhaben wurde jedoch vom Verfassungsgericht gestoppt. Als Begründung wird die Verletzung der Meinungsfreiheit genannt. Das Gericht liess verlauten, dass der Zugang zu sozialen Netzwerken für Minderjährige grundsätzlich eingeschränkt werden dürfe. Das komplette Verbot ohne Differenzierung zwischen den Plattformen und ihren individuellen Gefahren sowie die Missachtung der Situation einzelner Minderjähriger sei jedoch unverhältnismässig.
Wenn über ein Social-Media-Verbot diskutiert wird, kommt auch meist das Thema Datenschutz auf. Um zu vermeiden, dass Jugendliche sich auf den Plattformen anmelden, muss eine Verifizierung der Personendaten stattfinden. Mehrheitlich würde das über einen Personalausweis oder Ähnliches stattfinden. Auch das nennt das Verfassungsgericht unter anderem als Grund, um den Vorstoss zu stoppen: Sämtliche Nutzer:innen hätten ihr Alter nachweisen müssen, was ein grosser Eingriff in die Privatsphäre wäre, für die es noch keine gesetzliche Grundlage gibt.
Ein Verbot wirft also neben den gesellschaftlichen Fragen auch rechtliche Fragen auf.
Auch andere europäische Staaten arbeiten an Gesetzesentwürfen für ein Social-Media-Verbot. So zum Beispiel Österreich. Dort soll ein Verbot für unter 14‑Jährige begutachtet werden. Tritt das Gesetz tatsächlich in Kraft, wären die Mechanismen ähnlich wie in Australien: Die Plattformen müssen sicherstellen, dass keine Jugendlichen unter 14 Jahren ein Konto eröffnen, ansonsten drohen hohe Geldstrafen.
Auch die EU will einen besseren Schutz für Jugendliche gegenüber den Big-Tech-Plattformen. Statt eines Verbots plädiert die EU-Kommission jedoch für strengere Regulierungen, die direkt von den grossen Plattformen umgesetzt werden sollen. Seit 2022 gilt der Digital Services Act. Das Hauptziel der Verordnung ist mehr Transparenz und Verantwortung von Seiten der grossen digitalen Plattformen wie zum Beispiel TikTok, Google, Instagram etc. Unter anderem sollen illegale Inhalte schneller gemeldet werden können, damit sich diese nicht verbreiten.
Die Schweizer Antwort
Auch der Bundesrat will in der Schweiz die Big Tech Firmen stärker regulieren. Dafür soll das «Gesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen» als Grundlage dienen. In dem Gesetz wird gefordert, dass Nutzer:innen mutmasslich rechtswidrige Inhalte einfacher melden können, dass eine Rechtsvertretung in der Schweiz stationiert ist, und die Plattformen sollen Forschungseinrichtungen Zugang zu ihren Daten gewähren. Ende Februar ist die Vernehmlassung dazu zu Ende gegangen.
Kinderschutzorganisationen haben den Vorschlag scharf kritisiert: Die vorgesehenen Massnahmen seien zu wenig konkret und die Sicherheit von Kindern im Netz werde kaum thematisiert.
Im Gesetz wird zwar nicht über ein Social-Media-Verbot verhandelt, dafür aber umso stärker im öffentlichen Diskurs. 84% der Bevölkerung würden ein Verbot für unter 16-Jährige befürworten. Das ergibt der Cybersorgenmonitor 2026. Damit gehen die Vorstellungen von Bevölkerung, Politik und Fachwelt deutlich auseinander. Die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) spricht sich in einem Positionspapier, welches letztes Jahr veröffentlicht wurde, gegen ein generelles Verbot aus. Sie schlägt eher differenziertere Massnahmen vor und plädiert ebenfalls für eine stärkere Regulierung von Online-Plattformen. Andere Stimmen vergleichen Social Media mit Alkohol oder Zigaretten. Bei diesen beiden Suchtmitteln wusste man lange nicht genau, wie die Auswirkungen sind, gerade bei Jugendlichen. Inzwischen gilt als gesellschaftlicher Konsens, dass Minderjährige vor den gesundheitlichen Folgen geschützt werden müssen – etwa durch Altersgrenzen und Verkaufsbeschränkungen.
Im Unterschied zu Tabak und Alkohol ist bei Social Media schwieriger festzustellen, welche Schäden tatsächlich durch übermässigen Konsum entstehen. In der Forschung herrscht noch keine Klarheit darüber, ob und wie sich die Nutzung von Social Media auf die psychische Gesundheit konkret auswirkt.
Lieber Vorsicht als Nachsicht?
Welchen Einfluss Social Media tatsächlich auf die Psyche hat, ist schwer festzustellen. Es gibt eine Reihe negativer Gesundheitsfolgen, die mit der Social-Media-Nutzung korrelieren. Ob es jedoch einen kausalen Zusammenhang gibt, ist schwer festzustellen, da viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können bei psychischen Erkrankungen oder Belastungen. Oft stellt sich zum Beispiel die Frage, ob bereits psychisch stark belastete Jugendliche Social Media aufgrund dessen mehr nutzen, oder ob Social Media die psychische Belastung ausgelöst hat.
Im Diskussionspapier «Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen» der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (Halle/D) sprechen sich die Verfasser:innen für das Vorsorgeprinzip (Precautionary Principle) in der Diskussion rund um Social Media aus. Das Prinzip besagt, dass schon bei einem begründeten Verdacht auf erhebliche Schäden zu handeln ist, auch wenn wissenschaftliche Belege noch nicht vollständig sind.
Junge Menschen müssen geschützt werden. Darüber sind sich die meisten einig. Wie ein wirksamer Schutz in Bezug auf Social Media aussieht, wird sich wohl erst noch zeigen. Die ersten Befunde aus Australien deuten jedoch darauf hin, dass ein Verbot allein nicht alle Probleme löst – und sogar neue schaffen kann.
Jugendliche nur von sozialen Medien fernzuhalten, greift deshalb möglicherweise zu kurz. Sie müssen auch lernen, sich sicher und selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen: Inhalte einzuordnen, Risiken zu erkennen und mit Informationen kritisch umzugehen. Vielleicht braucht es neben Regeln für die Plattformen deshalb auch mehr Medienkompetenz für ihre Nutzer.
Ein Social-Media-Führerschein könnte ein Ansatz dafür sein. Bei UseTheNews haben wir gemeinsam mit der E-Learning-Plattform Evulpo bereits einen Erste-Hilfe-Kurs für Nachrichtenkompetenz entwickelt. Denn vielleicht geht es beim Schutz junger Menschen am Ende nicht nur um Verbote – sondern auch um Selbstbestimmung.