Heidi Klum posiert im Madame Tussauds Berlin neben ihrer Wachsfigur. Für die täuschend echte Nachbildung wurden über 200 Körpermasse genommen und 150 Fotos ausgewertet. Was im Wachsfigurenkabinett mit großem Aufwand entsteht, gelingt Deepfakes heute digital in wenigen Minuten – oft so überzeugend, dass Original und Fälschung kaum noch zu unterscheiden sind. (KEYSTONE/DPA/Jens Kalaene)
KI hat seit Chat-GPT Einzug in unseren Alltag genommen. Mit der KI-Revolution taucht auch ein neuer Begriff vermehrt auf: Deepfakes. KI-generierte Bilder und Videos, die Inhalte verbreiten, welche so nie stattgefunden haben. Eingesetzt werden sie vermehrt auch in politischen Kampagnen. Über Deepfakes und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung und vor allem die Demokratie, ist noch wenig bekannt.
Eine SRF-Moderatorin warnt vor gewalttätigen Ausschreitungen in Schweizer Städten. «Die Zuwanderung spaltet die Schweiz», sagt sie in dem TikTok-Video. Im Hintergrund brennen Autos, Menschen rennen durch die Strassen, Wasserwerfer stehen bereit.
Das Problem: Die Moderatorin existiert nicht. Das Video ist KI-generiert.
Es handelt sich um ein Deepfake. Deepfakes sind per Definition Bild-, Audio- oder Videoinhalte, die mit künstlicher Intelligenz verändert oder erstellt wurden. Deepfakes werden von verschiedenen Personen mit verschiedenen Zielen generiert und verbreitet. Oftmals gilt es der reinen Unterhaltung und Belustigung. Zunehmend tauchen Deepfakes und KI-generierte Bilder aber auch mitten im politischen Diskurs auf. Wie gefährlich sind diese Inhalte für die Demokratie? Und welche Auswirkungen haben sie auf unseren Umgang mit Informationen?
Die Suche nach Wahrheit in Bildern
Bild und Video galten lange als verlässliche Abbilder der Realität. Im Fussball soll der Videoassistent Fehlentscheide verhindern, Überwachungskameras dienen als Beweismittel vor Gericht, Handyvideos dokumentieren politische Ereignisse in Echtzeit.
Das Vertrauen gerät jedoch ins Wanken durch den rasanten Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz. Mit wenigen Klicks lassen sich heute täuschend echte Bilder, Stimmen und Videos erzeugen. Laut einer Datenanalyse von der SEO-Firma Graphite aus dem Jahr 2025, sind die Hälfte aller Inhalte im Internet KI-generiert.
Ein berühmtes Beispiel: Das KI-generierte Bild mit dem ehemaligen Papst Franziskus in einer Balenciaga-Jacke.
(Foto: Reddit / trippy_art_special)
Ernüchternd dazu stehen die Zahlen aus einer Studie des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög): Nur etwas mehr als die Hälfte der Schweizer:innen kennt den Begriff Deepfakes. Die Studie zeigt ebenfalls, dass die Schweizer Bevölkerung Deepfakes kaum von realen Videos unterscheiden kann, insbesondere wenn die Qualität der Inhalte sehr hoch ist. Bei der Frage, wie sehr Deepfakes Demokratien gefährden, gibt es verschiedene Einschätzungen.
Epistemisches Misstrauen
Das Problem bei Deepfakes ist nicht nur der Inhalt bzw. die Verbreitung von falschen Informationen, oder dass Leute diesen eins zu eins Glauben schenken. Nicht die perfekte Täuschung ist das grösste Risiko, sondern der schleichende Verlust von Vertrauen. Menschen können nicht mehr einschätzen, was echt und was manipuliert ist. Demokratische Debatten funktionieren nur, solange sich eine Gesellschaft zumindest auf gewisse gemeinsame Fakten einigen kann. Fällt diese gemeinsame Wissensbasis weg, erschwert das in der Konsequenz auch öffentliche Debatten.
Der Einsatz von Deepfakes in politischen Wahlkämpfen kann zudem gesellschaftliche Gräben vertiefen und führt dazu, dass die Öffentlichkeit mit mehr polarisierten Inhalten konfrontiert ist. Die Algorithmen in sozialen Medien springen zudem sehr schnell an auf emotionalisierte Inhalte und werden so einem grossen Publikum ausgespielt.
Spannend ist auch, dass gerade in dieser Thematik ein starker Third-Person-Effect zu beobachten ist. Der sogenannte Third-Person-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Menschen glauben, mediale Inhalte oder Manipulationen würden vor allem andere beeinflussen – nicht sie selbst.
So entsteht langsam ein epistemisches Misstrauen. Also das Misstrauen gegenüber Wissensquellen und Informationen. Die Skepsis richtet sich dabei nicht nur gegen offensichtlich falsche Informationen und fragwürdige Quellen, sondern auch gegen Fachleute, oder ganze Wissenssysteme.
Es gibt keine einfache Lösung, um die Auswirkungen von Deepfakes einzudämmen. Ein Mix aus verschiedenen Massnahmen kann jedoch Abhilfe schaffen.
Wissen ist Macht
Ein naheliegender Gedanke ist eine technologische Massnahme. Gift mit Gift bekämpfen. Technische Erkennungssysteme für Deepfakes hinken den KI-Generatoren jedoch häufig hinterher. Forschende gehen davon aus, dass Programme zur Erstellung von Deepfakes den Erkennungssystemen langfristig immer einen Schritt voraus sein werden.
Umso wichtiger wird deshalb der gesellschaftliche Umgang mit der Technologie.
Die fög-Studie zeigt, dass sogenannte «Social Media Literacy» – also die Fähigkeit, Inhalte in sozialen Netzwerken kritisch einzuordnen – einen positiven Einfluss auf das Erkennen von Deepfakes hat. Eine Stärkung der Medien- und Nachrichtenkompetenz ist daher elementar. Mehr Wissen führt zu mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit Informationen und kann so im Umkehrschluss auch das Vertrauen in Medien und die Demokratie nachhaltig stärken.
Auch Journalist:innen stehen vor neuen Herausforderungen. Inhalte aus sozialen Netzwerken müssen stärker überprüft und verifiziert werden. Viele Redaktionen investieren inzwischen gezielt in Faktenchecks und technische Analysewerkzeuge.
Klar ist jedoch: Deepfakes sind längst kein Randphänomen mehr.
Die Technologie wird besser, billiger und alltäglicher. Und auch wenn viele Deepfakes harmlos oder satirisch gemeint sind, verändern sie bereits heute die Art, wie Menschen Informationen wahrnehmen. Demokratische Debatten funktionieren nur, solange sich Menschen zumindest auf gewisse gemeinsame Fakten einigen können. Wenn selbst Bilder und Videos ihre Beweiskraft verlieren, wird genau diese Grundlage zunehmend fragil.