„Das menschliche Gehirn ist gebaut für die Savanne – nicht für das Internet“ sagt der Neurowissenschafter Prof. Dr. Lutz Jäncke an der Nationalen Nachrichtenkompetenz-Tagung über die neuronale Leistungsfähigkeit im virtuellen Zeitalter. (Foto Alexandre Witschi/SRG SSR)
In einer Zeit, in der Fake News, KI-generierte Inhalte und Social Media den Alltag von Lehrpersonen und Jugendlichen prägen, stellen sich viele Fragen: Wie vermitteln wir noch eine kritische und mündige Mediennutzung? Was heisst Wissen im Zeitalter virtueller Wahrheiten? Und wie sollen Lehrkräfte mit KI im Unterricht umgehen? – Mit Gelassenheit, finden die einen Stimmen, andere raten zur Vorsicht, viele aber reagieren noch ratlos.
So lautete der Tenor der mit rund 200 Lehrpersonen, Bildungsfachleuten, Forschenden und Medienvertreter sehr gut besuchten Nationalen Nachrichtenkompetenz-Tagung 2026, die am Freitag an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) vom Verein UseTheNews durchgeführt wurde. Neben dem inhaltlichen Rahmenprogramm mit Referaten und Paneldiskussionen wurden den Teilnehmern der grössten Fachtagung der Schweiz zur inhaltlichen Medienkompetenz mehrere Breakout-Sessions angeboten, bei denen sie praxisrelevante Einsichten in Aus- und Weiterbildungsangebote, Forschungsergebnisse oder Unterrichtseinheiten zu Nachrichtenkompetenz erhielten. UseTheNews wird gleichberechtigt von Keystone-SDA, der SRG SSR und dem Verlegerverband Schweizer Medien (VSM) getragen, eine in dieser Form einmalige Allianz aus privaten und öffentlich finanzierten Medienunternehmen. Die Initiative wird massgeblich von der Stiftung Mercator Schweiz und der Volkart Stiftung unterstützt.
Ein Gehirn für die Savanne und nicht für’s Internet
Die Digitalexpertin Sarah Genner beleuchtete das heute durch Algorithmen perfekt abgestimmte Framing bei der Informationsvermittlung, mit dem unsere Sicht auf die Welt beeinflusst werden kann. Will heissen: Wir sehen das, was wir sehen wollen – weil wir es so sehen sollen. Der Neurowissenschafter Lutz Jäncke wiederum erinnerte in nüchterner, nicht minder engagierter Weise an die simple wissenschaftliche Tatsache, dass das menschliche Gehirn schlicht nicht dazu gebaut ist, derart immense Datenmengen zu verarbeiten, denen wir es inzwischen beständig aussetzen. «Das Hirn des Homo sapiens ist fähig, Kleingruppen durch die Savanne zu führen – nicht Zettabytes an Daten zu verarbeiten.» Sensorisch kann der Mensch 11 Mio. Bit pro Sekunde verarbeiten; bewusst denkend aber nur deren 40-50. Das Bewusstsein also ist der Flaschenhals bei der Informationsverarbeitung – oder noch pointiert eher die Pipette, durch die der nie versiegende Strahl an digitaler Information gepresst wird.
In den Worten Jänckes ist daher das Problem der Zukunft nicht die KI, sondern unser Gehirn. Da es stärker auf Belohnung und Emotion als auf Analyse und Ratio reagiert, so betonte auch Genner, seien soziale Medien so erfolgreich: Ihre Algorithmen sind so programmiert, dass sie den Thrill belohnen, die Empörung mehren oder die Gier nach immer Neuem. Die im Journalismus geltenden Verhaltenskodizes wie Quellenprüfung, Sachlichkeit, Objektivität oder Relevanz haben es da schwer.
Skepsis gegenüber einem Social-Media-Verbot
Was zur Frage führte, ob denn ein Verbot Sozialer Medien für Jugendliche, wie es in Australien bereits in Kraft ist und in Europa diskutiert wird, auch hierzulande eine Lösung wäre. Angela Müller verwies als Geschäftsführerin von Algorithm Watch auf die Verantwortung der Anbieter. Sie seien in die Pflicht zu nehmen, was auf welche Art sie an wen ausspielten, fand sie. Kinder und Jugendlichen die Nutzung zu verbieten sei vielleicht eine politisch attraktive, aber sicher keine nachhaltige Lösung. Noch deutlicher formulierte es Jan Löning, Redaktor bei «20 Minuten»: Jugendliche bräuchten Werkzeuge, um selbstbestimmt und reflektiert im Netz zu agieren, keine Verbote. Cornelia Grossniklaus, die selbst Lehrerin ist, eine Schule leitet und als Geschäftsleitungsmitglied des Schulleiter:innen-Verbands der Schweiz dessen Verbotshaltung mitträgt, verwies ihrerseits auf die Problematik, dass derzeit vor allem den Lehrkräften die Verantwortung für einen kritischen Umgang mit sozialen Netzwerken zugewiesen werde. Sie wünscht sich dagegen mehr Engagement der Eltern und vor allem auch der Politik.
Fahrkurse im digitalen Umgang für Eltern
Dem pflichtete auch Dagmar Rösler zu, die Zentralpräsidentin des Lehrer:innen-Verbands der Schweiz. Dieser hatte in einem Positionspapier eine differenzierte Haltung zum Verbot eingenommen, auch unter dem Eindruck, dass ein solches als eine Form der pädagogischen Kapitulation aufgefasst werden kann. Es dürfe nicht sein, dass die Verantwortung einzig Lehrpersonen übertragen werde, erläuterte nun Rösler die Haltung des Verbands. Auch die Eltern seien in die Pflicht zu nehmen – etwa durch die Verpflichtung, einen «Fahrkurs» für einen kindergerechten Umgang mit Sozialen Medien absolvieren zu müssen. Und sie forderte die Politik dazu auf, die Regulierung globaler Plattformbetreiber voranzutreiben – wenn auch eine solche viel Zeit in Anspruch nimmt und für einen Kleinstadt ohne Allianzen schwer durchsetzbar bleibt.
Auf das bereits in vielen Schulen – wenn auch unterschiedlich – praktizierte «Screen»-Verbot angesprochen, plädierte die oberste Pädagogin der Schweiz für klare Regelungen bei Einsatz und Gebrauch auf dem Schulareal und im Unterricht. Der dadurch möglicherweise entstehende Flickenteppich bewertet sie als bewältigbar; das Prinzip sei richtig, dass es jeder Schule zu überlassen sei, wie sie damit sinnvoll umgehen wolle. Sie forderte angesichts der Fülle an Herausforderungen aber eine Diskussion darüber, was die Schule noch leisten könne, und was wegfallen müsse. In ihrer Wahrnehmung fehlt hier eine bildungspolitische Strategie – und bisweilen auch an Wertschätzung für die Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern, die sich kontinuierlich diesen Herausforderungen stellen.
Aufbau eines nationalen Nachrichtenkompetenz-Monitors
Wie gross diese Herausforderungen sind und wie nachrichtenkompetent die hiesige Bevölkerung überhaupt ist, bleibt allerdings unklar. Bei der Kompetenz wohl eher schlecht, mindestens hat das eine im Auftrag des Bundesamts für Kommunikation von Politools und der Universität Bern durchgeführte Studie 2022 ergeben. Gleichzeitig aber ist die Datenlage nach wie vor sehr dürftig. Dem will nun der Nationale Nachrichtenkompetenz-Monitor entgegenwirken, ein vom Kompetenzzentrum für Public Management (Universität Bern), dem Institut für Angewandte Medienwissenschaften (ZHAW), dem Verein Politools und UseTheNews gemeinsam vorangetriebenes Projekt.
Die Forscherinnen Fiona Fehlmann (ZHAW) und Carine Hunziker (Politools) stellten das Konzept und dessen Ziele anlässlich der Tagung vor, wobei als Datenbasis auch der seit mehreren Jahren verwendete Newstest.ch herangezogen werden soll, den bereits rund 30’000 Personen absolviert haben. In einer ersten Auswertung zeigt sich, dass Kenntnisse etwa über das hiesige Mediensystem eher bescheiden sind; dagegen wurden offensichtliche Falschinformationen oder als journalistische Inhalte getarnte Werbung relativ gut erkannt. Der Test wird nun über die kommenden Monate modernisiert und auf mehrere Versionen erweitert.
Wissen in Zeiten von KI
Ob es denn überhaupt noch Wissen brauche im Zeitalter von KI, so lautete die etwas provozierende Frage an Lehrer:innen und Bildungs- und Kommunikationsfachleute: Mehr denn je, so lautete die vielstimmige Antwort der Panelisten, wenn auch mit unterschiedlicher Akzentsetzung. Für Helga Ritz-Pankoke, die am AI-Center der ETH Zürich die Wissenschaftskommunikation verantwortet, bietet der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eindeutig mehr Vor- denn Nachteile – weil sie etwa bei der Datenauswertung für die Wissenschaft viel effizienter ist und zu mehr Erkenntnisgewinnen führt.
Im Pädagogikstudium wiederum werde der Einsatz von KI im Unterricht vermittelt, wie der Prorektor der PH Thurgau Thomas Merz betonte. Er sieht eher philosophisch-ethische Fragen, die mit der Verwendung des Instruments verbunden sind – und zeigt sich skeptisch, ob man sich diesen als Gesellschaft bereits bewusst sei. Praktisch wiederum zeigte sich als Vorstandsmitglied des Luzerner Lehrer:innen-Verbands Nicole Speck, die als Sek-Lehrerin unterrichtet. Sie setzt KI direkt im Unterricht ein, indem sie die Schüler:innen aktiv dazu auffordert, Prompts und Antworten untereinander zu vergleichen – etwa zu einem politisch kontroversen Thema wie dem aktuellen Krieg der USA und Israels gegen Iran. Beat Schwendimann, auch er Lehrer an einem Gymnasium und Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle beim Lehrer:innen Verband Schweiz, sieht in KI in erster Linie ein (weiteres) Arbeitsinstrument und keine direkte Bedrohung etwa des Lehrerberufs. Sehr wohl aber müsse der Unterricht und insbesondere auch das Prüfen von Wissen an neue Umstände angepasst werden – was aber immer schon der Fall gewesen sei. Auch bei Google und Wikipedia habe man fälschlicherweise schon vor dem Ende des Wissens gewarnt. Moderne Pädagogik soll in erster Linie Fertigkeiten vermitteln – also etwa die Fähigkeit, Kontexte erkennen oder diese herleiten zu können, zu reflektieren und zu analysieren. Reines Faktenwissen tritt dabei in den Hintergrund, ohne dass es deswegen keine Rolle mehr spielen würde.
Die KI kann schon einiges, vieles aber noch nicht
Es war am Cartoonisten und Illustrator Ruedi Widmer, den Teilnehmenden am Ende der Fachtagung dann die – noch – existierenden Grenzen der KI vorzuführen: Die Zeichnung einer Karte des Kantons Zürich mit Midjourney erwies sich als aussichtslos und des Künstlers Nerven zehrend: Wo die KI nach zig Prompts endlich die eine Korrektur richtig ausführte, hatte sie gleichzeitig das bisher richtige wieder ins Falsche gedreht. Der Uetliberg lag wieder im Norden, der Greifensee im Süden, Zürich existierte nicht mehr und Winterthur wurde nach der selbstherrlichen Eingemeindung von Wetzikon zu Wetzenshur. (Fotos: Alexandre Witschi/SRG SSR)