Wenn wie hier im Hitzesommer 2022 der Doubs bei Les Brenets ganze Flüsse in der Schweiz austrocknen, betrifft das auch das Leben vieler Jugendlicher. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Was ist eigentlich Nachrichtenkompetenz? Bzw. was umfasst eigentlich der Begriff Nachricht – oder News? In der traditionellen Journalismusforschung wird das Konzept «News» häufig anhand von Kriterien definiert, die dem professionellen Journalismus zugrunde liegen. Vor allem Studien im Bereich der qualitativen Publikumsforschung zeigen, dass sich insbesondere im Kontext von Social Media das Begriffsverständnis aus Sicht von Mediennutzer*innen verändert. Dabei ist nicht immer ganz klar, welche Inhalte nun in den Bereich «News» gehören. Nachrichten zum Weltgeschehen sind in diesem Umfeld zunehmend fragmentiert und grenzen sich immer weniger von anderen Formen der Kommunikation ab. Private und öffentliche Sphären verschmelzen im digitalen Raum, Marketinginhalte stehen potentiell neben Propaganda und Desinformationen und Inhalte können von verschiedensten Akteuren erstellt und verbreitet werden.

In dieser komplexen Medienumgebung wird das Konzept der Nachrichtenkompetenz (News Literacy) immer wichtiger. Tully und Kollegen (2022) verbinden mit Nachrichtenkompetenz Wissen und die Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, den komplexen Prozess der Nachrichtenproduktion, -verbreitung und -konsumation zu verstehen. Es geht darum, die verschiedenen sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Prozesse hinter der Entstehung von «News» zu verstehen und die Qualitätskriterien einer journalistischen Nachricht zu kennen.

Fünf Wissens- und Kompetenzbereiche

Tully und Kollegen identifizieren in einem 5C-Diagramm fünf zentrale Wissens- und Kompetenzbereiche, die für die Umschreibung von Nachrichtenkompetenz zentral sind:

  1. Kontext: Hier geht es um Wissen über die sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Nachrichtenproduktion. Hierzu gehört bspw. das Wissen über Geschäftsmodelle von Verlagen oder Kenntnisse zur Differenzierung zwischen öffentlich und privat finanzierten Medien.
  2. Kreation: In diesem Bereich wird das Verständnis des Prozesses der Nachrichtenproduktion thematisiert. Also z.B. Kompetenzen im Bereich der Konzeptualisierung von Berichterstattung, Wissen über journalistische Qualitätsstandard bis hin zu Kenntnissen im Bereich journalistischer Arbeitsprozesse und Leitlinien.
  3. Inhalt: Hier wird u.a. die Fähigkeit beschrieben, die qualitativen Inhaltsmerkmale einer Nachricht zu erkennen und sie von anderen Medieninhalten wie Werbung oder Kommentaren zu unterscheiden.
  4. Verbreitung: Dieser Bereich umfasst bspw. Wissen darüber, wie Nachrichten verbreitet werden und welche Akteure, einschliesslich Algorithmen auf Social Media, diesen Prozess beeinflussen.
  5. Konsum: Hier geht es darum, dass Individuen verstehen, dass individuelle Faktoren wie Motivation, Weltanschauung oder Werthaltungen die Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Nachrichtennutzung beeinflussen.

Diese Kompetenz- und Wissensbereiche beschreiben verschiedene Aspekte, die wichtig sind, um sich im digitalen Nachrichtenumfeld zurechtzufinden. Tully und Kollegen (2022) betonen, dass die geforderten Kompetenzen sich ständig an den Medienwandel anpassen. So gewinnen andere Kompetenzen an Bedeutung, wenn neue Akteure wie KI-Modelle in die Verbreitung von Nachrichten involviert sind.

Medienkompetenz und Medienperformanz

Die Medien- und Nachrichtenkompetenz ist eng mit der Medienperformanz – also dem praktischen Handeln in der Medienwelt – verknüpft. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Aneignung von Medienkompetenz nicht nur durch formale Bildung, sondern auch durch den praktischen Umgang mit Medien und die Reflexion über eigene Medienerfahrungen erfolgt (Trültzsch-Wijnen, 2021).

In diesem Kontext spielen auch individuelle Faktoren wie Motivation, Interesse und Gedächtnisleistung eine Rolle. Sie beeinflussen den Transfer von Medienkompetenz zur Medienperformanz. Umgekehrt wird die Medienkompetenz durch die direkte Auseinandersetzung mit Medien weiterentwickelt. Das bedeutet auch, dass es durchaus möglich ist, theoretisch kompetent im Umgang mit Medien und Nachrichten zu sein, während es praktisch an Motivation fehlt, sich z.B. mit Nachrichten und anderen journalistischen Inhalten auseinanderzusetzen.

An diesen Umstand sollte man sich daher bei der Vermittlung von Medien- bzw. Nachrichtenkompetenz stets erinnern: Es ist zentral, Interesse und Motivation zu wecken – und sich dabei an den Lebensrealitäten von Schüler*innen, aber auch ganz generell der Menschen zu orientieren.

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