Mit 18 eröffnen sich neue Freiheiten – etwa das Feiern im Club, wie hier im Hive in Zürich. Im Kanton Freiburg gehört seit 2023 auch ein kostenloses Zeitungsabo zu den neuen Möglichkeiten. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Laut dem Schweizer Länderbericht des Digital News Reports 2024 sinkt der Nachrichtenkonsum in allen Altersgruppen. «Die Daten geben also keine Hinweise darauf, dass junge Menschen mit zunehmendem Alter mehr Nachrichten nutzen», sagt Linards Udris, Autor des Schweizer Länderberichts und stellvertretender Forschungsleiter am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög), in einem Bericht der Uni Zürich.
An der Dreikönigstagung des Verlegerverbands Schweizer Medien (VSM) vom 6. Januar 2026 stellte Marte Ingul, Executive Vice President für Public Affairs und Kommunikation bei Amedia, ein Projekt des grössten Medienkonzerns und auflagenstärksten Zeitungsverlags Norwegens vor, das dem sinkenden Newskonsum bei jungen Leuten entgegenwirken soll: Alle 15- bis 20-Jährigen erhalten kostenlosen Zugang zu über 120 Medientiteln. An der Tagung erklärte sie die Hintergründe des Projekts und zeigte die Erfolge auf.
Ingul ordnete ein: «Lassen Sie mich sehr klar sein. Wir können uns selbst nicht die Geschichte erzählen, dass junge Menschen früher viele Medien konsumiert haben». Was sich jedoch grundlegend verändert habe, sei die Sichtbarkeit von Zeitungen. «Es war einfacher, Zeitungslesen als Gewohnheit in den Alltag zu integrieren, als es noch ein physisches Produkt war», sagte Ingul. Heute seien Nachrichten vor allem digital und damit weniger präsent im Alltag. Gewohnheiten bei der Zielgruppe aufzubauen, werde dadurch deutlich schwieriger.
Auch der Blick auf die Generation der Millennials sei aufschlussreich. Dort sei nicht das Vertrauen in Medien das zentrale Problem, sondern die mangelnde Loyalität gegenüber einzelnen Titeln. «Wenn diese Gruppe radikal weniger loyal ist als ihre Eltern es waren, was bedeutet es dann für ihre Kinder, die 15- bis 20-Jährigen?» Der kostenlose Zugang soll deshalb nicht nur informieren, sondern vor allem eine Beziehung zur jungen Zielgruppe aufbauen und langfristige Nutzungsgewohnheiten fördern. «Kostenlos ist ein Tool. Es ist nicht die Strategie. Aber Gewohnheiten zu bilden ist die Strategie», fasst Ingul zusammen.
Eng damit verknüpft ist für Ingul die Frage der Medienbildung: «Zugang allein ist nicht genug». Was, wenn junge Menschen die Rolle von Journalismus nicht verstünden, oder den Unterschied zwischen Social Media und redaktionell geführten Medien? «Wir haben noch keine Sprache entwickelt, um dieser Generation unsere Rolle zu erklären», stellt Ingul fest.
Dass dieses Modell Anklang findet, zeigen erste Zahlen: Bereits 18 % (72 000 Personen) der jungen Norweger:innen haben sich für den freien Zugang registriert. Ingul sagte, sie hätten während des Projektes vor allem eines erkannt: «Junge Menschen sind auch Menschen». Damit meint sie die Erkenntnis, dass auch in dieser Zielgruppe Hard News am besten funktionieren: Aktuelle Nachrichten steigern die Nutzung, Videos und Fotos werden mehr konsumiert und lokale Relevanz triggert Interaktion.
Während Amedia in Norwegen auf einen nationalen Ansatz setzt, wird in der Schweiz auf kantonaler Ebene experimentiert.
Der Kanton Freiburg wagt ein Pilotprojekt, um junge Erwachsene frühzeitig mit journalistischen Inhalten in Kontakt zu bringen. Das Projekt soll über fünf Jahre hinweg bis 2028 laufen. Alle Personen, die im jeweiligen Jahr 18 Jahre alt werden, können für die Dauer eines Jahres ein kostenloses Abonnement einer Freiburger Regionalzeitung beziehen. Ziel des Projekts ist es, junge Erwachsene für regionale und kantonale Themen zu sensibilisieren und gleichzeitig die Regionalpresse indirekt zu unterstützen.
Auslöser für dieses Projekt war ein politischer Entscheid: Der Grosse Rat des Kantons Freiburg hat ein Gesetz verabschiedet, das jungen Erwachsenen den Zugang zu Medien erleichtern soll.
Zwischen Mai und Dezember 2024 nutzten 454 junge Menschen das Angebot. Das entspricht rund 12 % der Berechtigten. Die bisherigen Zahlen zeigen: Das Interesse ist da, doch es bleibt begrenzt. Ob kostenlose Abos langfristig zu zahlenden Leser:innen werden, ist offen. Klar ist jedoch: Ohne frühe Gewohnheiten und ohne Medienkompetenz wird Journalismus für die nächste Generation kaum mehr selbstverständlich sein.