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«Erste-Hilfe-Kurs» für die Nachrichtenkompetenz von jungen Erwachsenen
Wer ein Auto fahren will, muss erste Hilfe leisten können. Dafür gibt es Kurse, wie hier in Deutschland. Wir meinen, dass es auch für die politische Mündigkeit sinnvoll ist, sicher in der Informationswelt zu navigieren. Daher produzieren wir mit evulpo und der ZHAW einen Erste-Hilfe-Kurs für die Nachrichtenkompetenz von jungen Erwachsenen. (KEYSTONE/DPA/Bernd Thissen)

In der Schweiz ist die Zahl jener Menschen mit über 46% besonders hoch, die Nachrichten entweder stark unterdurchschnittlich oder gar nicht mehr konsumieren. Und gleichzeitig wird die Nachrichtenwelt – auch dank KI – durch Desinformation und Manipulation geflutet. Beides gefährdet die demokratische Meinungsbildung. Besonders relevant ist dies bei jungen Erwachsenen an der Schwelle zur politischen Mündigkeit. Mit Blick auf diese Problemlage entsteht nun zum ersten Mal für die Schweiz ein massgeschneidertes Bildungsangebot für junge Erwachsene im Alter 16 und 20 Jahren – der «Erste-Hilfe-Kurs» für die Nachrichtenkompetenz. Das Projekt wird von uns als UseTheNews, evulpo AG und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften umgesetzt. Einen ersten Einblick gibt Andrina Schmid, Stv. Geschäftsführerin von UseTheNews, in diesem Making-Of-Trailer:

Zwölf digitale Selbstlernlektionen

Das Bildungsangebot besteht aus zwölf digitalen Selbstlernlektionen mit Video-, Text- und Übungssequenzen, die in vier Lernpfaden die aus Sicht der beteiligten Expert:innen wichtigsten Fertigkeiten in der inhaltlichen Mediennutzung thematisieren. Produziert werden die Inhalte vom «Best of Swiss Web»-E-Learning-Unternehmen evulpo AG, die wissenschaftliche Begleitung leistet das Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, die Gesamtverantwortung liegt bei uns von UseTheNews (Schweiz), der Allianz zur Förderung der Nachrichtenkompetenz aus Keystone-SDA, SRG SSR und Verlegerverband Schweizer Medien. 

Was motiviert uns? – Nun, jeder, der in der Schweiz den Führerausweis erlangen will, muss einen Nothelferkurs absolviert haben. Der Informationsflut aber ist man als Jungbürger:in zunächst einmal schutzlos ausgeliefert. Daher wollen wir jungen Erwachsenen ein Instrument in die Hand geben, sich mündig im digitalen Raum bewegen zu können. Das von der FERS-Stiftung finanzierte Projekt richtet sich an alle jungen Erwachsenen in der Schweiz, auch jene ohne Stimm- und Wahlrecht, und an Lehrpersonen auf Sek II-Stufe, in Gymnasien und Berufsschulen, sowie an Bildungsverantwortliche, etwa in Lehrbetrieben, und an Eltern. Die Inhalte können aber auch bei Einbürgerungsaktivitäten auf kommunaler und kantonaler Ebene eingesetzt werden. 

Kostenlos verfügbar ab Frühling 2026

Die interaktiven Lernpfade, die seit Ende 2025 produziert werden, sollen ab Frühling 2026 kostenlos zur Verfügung stehen, einerseits auf den Plattformen von uns hier bei UseTheNews und bei den zwei beteiligten Partner, andererseits via Verlinkungen über alle gängigen Social-Media-Kanäle. Das genaue Lancierungsdatum werden wir später noch kommunizieren. 

Suchmaschinen im Wandel: Die neue Rolle von KI als Informationsvermittlerin
Die New York Times will gegen das KI-Unternehmen Perplexity vor Gericht ziehen. In die von Perplexity erzeugten Texte würden Informationen der New York Times einfliessen, teils würden ganze Artikel übernommen. EPA/JUSTIN LANE

Früher vermittelten Suchmaschinen zwischen Nutzer:innen und unterschiedlichen Informationsquellen. Mit der Möglichkeit, KI direkt Fragen zu stellen, werden Suchplattformen zunehmend selbst zu aktiven Informationsanbietern. Neben Google wird auch ChatGPT von OpenAI immer häufiger als Suchmaschine genutzt. Laut dem Digimonitor der Interessensgemeinschaft Elektronischer Medien Schweiz (IGEM) geben 60 % der Bevölkerung an, KI zumindest gelegentlich zu verwenden – am häufigsten zum Schreiben von Texten, für Übersetzungen und für Suchanfragen. Google bietet nun ebenfalls einen KI-Chatbot, der die wichtigsten Informationen in Kürze zusammenfasst und oberhalb aller Links anzeigt.

Dieser Wandel wurde von Dirk Lewandowski, Professor für Information Research & Information Retrieval an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, in einem Gutachten für die deutschen Landesmedienanstalten untersucht. Ziel war es zu klären, welche Auswirkungen die Integration von KI in Suchmaschinen auf die Meinungsvielfalt hat.

Traffic geht verloren

«The best place to hide a dead body is page 2 of Google search results.» Dieses ironische Motto begleitete Website-Betreiber:innen über Jahre. Mit Suchmaschinenoptimierung versuchten Unternehmen, möglichst weit oben zu erscheinen. Dieses Prinzip verschiebt sich jedoch, wenn KI die Antworten direkt ausgibt. Während Google bei seinen KI-Antworten noch Quellen verlinkt, ist das bei ChatGPT oft nicht der Fall. Wer Quellen sehen möchte, muss ausdrücklich danach fragen. Genau das führt laut Lewandowski zu erheblichen Verlusten beim Website-Traffic. Konkret stellte er Einbrüche zwischen 18 und 50 % fest.

Das betrifft vor allem Medienunternehmen. Viele von ihnen sind auf Klickzahlen angewiesen, um Inhalte über Online-Abonnements zu refinanzieren. Wenn diese Sichtbarkeit künftig sinkt, könnten auch fundierte journalistische Angebote seltener werden – was wiederum die Informationsbasis beeinflusst, auf der KI ihre Zusammenfassungen erstellt.

Ob KI-Antworten am Ende zu mehr oder weniger Sichtbarkeit unterschiedlicher Meinungen führen, ist laut Lewandowski noch offen. Diese Frage wurde im Gutachten nicht empirisch untersucht. Er formuliert allerdings einige Annahmen: Möglich sei etwa, dass KI-Antworten ein breiteres Meinungsspektrum abdecken als die Ergebnisse der klassischen Suchmaschine, die oft nur die Top-Links hervorhebt.

Im Zentrum steht letztlich die Frage, welche Bedeutung Nutzer:innen den Quellen hinter den KI-Antworten beimessen. Benötigen sie diese überhaupt? Wann lohnt es sich, auf weiterführende Links zu klicken? Und wem schreiben sie die Inhalte zu – dem Suchsystem oder den ursprünglichen Quellen?

News-Deprivation: Warum fehlende Information die Demokratie gefährdet
Demokratie zum Anfassen: An der Urne entscheidet die Bevölkerung mit, aber ohne Zugang zu Nachrichten fehlt die Grundlage für informierte Entscheide. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Linards Udris: Was bedeutet eigentlich News-Deprivation?

News-Deprivation bedeutet eine Unterversorgung mit Nachrichten, also dass eine Person sich nicht oder nur sehr wenig in Medien – egal ob soziale oder traditionelle Medien – über das aktuelle Geschehen informiert. Die „Unter“-Versorgung machen wir auch daran fest, dass empirisch diese Gruppe der „News-Deprivierten“ deutlich weniger Nachrichten konsumiert als die anderen fünf typischen Nutzergruppen, die es in der Schweiz gibt.

Was sind die Hauptgründe dafür, dass viele Menschen den Nachrichten fernbleiben?

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Erklärungen. Die erste ist, dass die Menschen die Nachrichten aktiv vermeiden. Diese aktive Vermeidung kommt oft dadurch zustande, dass die Leute die Nachrichten für zu negativ halten oder dass sie mit den Nachrichten nichts anfangen können. Die zweite ist, dass die Leute eher unbewusst kaum Nachrichten nutzen. Unbewusst deshalb, weil die Menschen sich in diesem Fall nicht aktiv „gegen“ eine Mediennutzung entscheiden, sondern weil in unserem hektischen Alltag und der digitalen Medienwelt viele andere Inhalte als Nachrichten einen grösseren Stellenwert haben. Jemand, der oft auf sozialen Medien unterwegs ist, trifft dort nicht unbedingt journalistische Inhalte an, und man nutzt die sozialen Medien auch nicht in erster Linie dazu, um sich zu informieren, sondern um sich mit Freunden auszutauschen oder um Unterhaltungsformate zu konsumieren. Das heisst, in unserem digitalen Medienumfeld gibt es einen „Verdrängungseffekt“. Dazu kommt noch, dass sich offensichtlich viele Menschen nicht oder nur wenig für Nachrichten – und für Politik – interessieren.

Warum ist es eine Bedrohung für die Demokratie, wenn die Bevölkerung keine Nachrichten konsumiert?

Vorausschickend möchte ich zur besseren Einordnung sagen, dass wir in der Schweiz noch immer in einer ziemlich guten Situation sind, was die Qualität der Demokratie betrifft. Es ist trotzdem so, dass dieser Trend einer zunehmenden News-Deprivation problematisch ist. Denn wir sehen in unseren Daten, dass Menschen, die wenig Nachrichten konsumieren, letztlich deutlich weniger eingebunden sind. Sie wissen signifikant weniger Bescheid über aktuelle Ereignisse, sie vertrauen den Medien und der Politik weniger, sie beteiligen sich weniger am politischen Prozess und sie haben einen weniger ausgeprägten demokratischen Gemeinsinn. 

Wie würden sie versuchen jemanden zu überzeugen wieder Nachrichten zu lesen?

Wenn wir etwas gegen die News-Deprivation tun wollen, müssen wir auf mehreren Ebenen ansetzen. Erstens können wir in den Schulen mehr in Medienkompetenz und politische Bildung investieren – übrigens wäre das auch wichtig für Erwachsene. Zweitens können die Medien versuchen, in ihrer Berichterstattung mehr „konstruktiven“ Journalismus betreiben. Das heisst nicht, dass sie vor allem positive Nachrichten zeigen sollen. Es heisst, dass sie grundsätzlich stärker versuchen sollen, einzuordnen und Lösungswege aufzuzeigen. Und Medien sollten die sozialen Medien noch stärker auf eine Art bespielen, dass sie dort die Nutzer:innen im wahrsten Sinne des Wortes „abholen“ und wieder zurückbringen auf die eigenen digitalen Kanäle, zum Beispiel die Apps. Drittens müssen wir Wege finden, wie wir als Gesellschaft die Medien öffentlich fördern können, zum Beispiel mit mehr Unterstützung für die Infrastruktur von Medien. Und viertens sollten wir die Tech-Plattformen stärker in die Pflicht nehmen. Dazu gehört unter anderem ein Leistungsschutzrecht oder ein angepasstes Urheberrecht, damit die Leistungen des Journalismus fairer vergütet werden können. Dazu gehören auch Überlegungen, zum Beispiel in Skandinavien, ob man auf Plattformen gleichsam einen „Mindestanteil“ an Journalismus festlegen kann, so wie man das seit Jahrzehnten beim öffentlichen und beim konzessionierten privaten Rundfunk macht.

Welche Entwicklungen stimmen Sie optimistisch – trotz aller Herausforderungen?
Der Journalismus in der Schweiz hat ein Reichweitenproblem, aber kein grundsätzliches Qualitätsproblem. Es gibt immer noch relativ viele gute, seriöse und professionell gemachte Angebote. Und was mich positiv stimmt: In einer Auswertung haben wir gesehen, dass Menschen, die schon mal Schulungen oder Trainings im Bereich Medienkompetenz hatten, eher bereit sind, für Online-Nachrichten zu bezahlen. Das ist ein kleines, aber ermutigendes Zeichen, dass wir es gemeinsam schaffen können, den Wert des Journalismus für eine demokratische Gesellschaft wieder stärker zu verankern.

Fakes News, Desinformation und Falschinformation: Alles das gleiche?
Während der Corona-Pandemie kursierten zahlreiche Vermutungen und Falschinformationen darüber, wie die Pandemie entstanden sein soll. An der Universität Zürich wurde im 2021 eine der eher wahrscheinlicheren Theorien auf den Grund gegangen: der möglichen Übertragung des Virus von Fledermäusen auf den Menschen. (KEYSTONE/Ennio Leanza).

Falsche oder irreführende Informationen haben viele Namen: Fake News, Desinformation, Misinformation. Eine Studie des gfs-Zürich zeigt: 96 % der Deutschschweizer Bevölkerung nehmen eine Zunahme von Fake News wahr, und fast ebenso viele erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzt. Aber woran denken Menschen eigentlich, wenn sie von Fake News sprechen?

Fake News, Desinformation oder Misinformation?

Von den drei Begriffen ist Fake News sicher der bekannteste und zugleich der umstrittenste. Er wird in unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht:

  1. Kommerzieller Clickbait
    Viele der Fake News zum Beispiel rund um die US-Wahlen 2016 hatten rein wirtschaftliche Ziele. Sensationsmeldungen wurden massenhaft verbreitet, um Klicks zu generieren und damit Werbeeinnahmen zu erzielen.
  2. Politische Manipulation
    Der Begriff entwickelte sich schnell zu einem Synonym für absichtlich verbreitete Falschinformationen, die öffentliche Meinungen beeinflussen sollten.
  3. Kampfbegriff gegen Medien
    Unter anderem benutzte Donald Trump Fake News als Schlagwort, um kritische Berichterstattung zu diskreditieren, ähnlich wie der Begriff Lügenpresseim Deutschen.

Es stellt sich also als einigermassen schwierig heraus, eine klare Definition und Verwendung für den Begriff «Fake News» festzulegen. Die Wissenschaft hat sich deshalb dem Begriff «Desinformation» zugewendet. Die Europäische Kommission definiert den Begriff folgendermassen:

«Desinformation ist ein falscher oder irreführender Inhalt, der mit der Absicht verbreitet wird, zu täuschen oder wirtschaftlichen oder politischen Gewinn zu sichern, und der öffentlichen Schaden zufügen kann.»

Zu unterscheiden ist der Begriff von Misinformation oder Fehlinformation: Dabei handelt es sich um versehentlich verbreitete Falschmeldungen durch einen Fehler oder Nichtwissen. Hier zeigt sich auch die Schwierigkeit der Abgrenzung. Um Desinformation klar erkennen und benennen zu können, müssen sowohl die Absicht des Senders als auch die Wirkung auf den Empfänger bekannt sein.

Eine weitere Problematik ist dabei, dass viele Menschen Informationen, die nicht ihrer Meinung entsprechen, als Fake News oder Desinformation bezeichnen. Wie jemand generell zu Medien steht und wie hoch das Vertrauen in den Absender ist, spielt also durchaus auch eine Rolle. Das wiederum macht es schwierig festzustellen, wie oft Menschen in ihrem Alltag tatsächlich falschen Informationen begegnen, die rein faktisch nicht stimmen. Die effektive Verbreitung von Desinformation ist damit schwer festzustellen.

Fake News scheinen in der breiten Bevölkerung nur gering verbreitet zu sein, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung. Die Forschung ergebe teilweise ein ironisches Bild, da Fake News auch oft erst an Popularität gewinnen, wenn seriöse Medien diese in die Berichterstattung aufnehmen, zum Beispiel weil sie die Falschmeldung mit einem Faktencheck widerlegen wollen. Dies macht – in bester Absicht – seriöse Medien zu unfreiwilligen Akteuren bei der Verbreitung von Fake News.

Bekämpfung von Fake News, Desinformation und Misinformation

Die Diskussion um Desinformation schürt Misstrauen gegenüber Medien, Politik und generellen Informationen. Daher ist es umso wichtiger, dass die Bevölkerung über eine hohe Medien- und Nachrichtenkompetenz verfügt. Dabei geht es um weit mehr, als nur Desinformation erkennen zu können. Der Erziehungswissenschaftler Dieter Baacke teilt Medienkompetenz in vier Bereiche auf: Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung.

Wer also eine hohe Medienkompetenz hat, ist eher befähigt, sich eine eigene Meinung zu bilden aus der Berichterstattung von Medien über Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft. Gerade in einer Demokratie ist die Fähigkeit, Informationen einschätzen und kontextualisieren zu können, essenziell.

Journalist:in – darf sich wirklich jede:r so nennen?
Wer ist Journalist:in und wer nur Schaulustiger hier an der 1. Mai Demonstration in Zürich 2024? Mit blossem Auge schwierig zu erkennen, da sich grundsätzlich jede Person als Journalist:in bezeichnen darf. (KEYSTONE / Ennio Leanza)

Ein Beruf gilt in der Schweiz als reglementiert, wenn für seine Ausübung bestimmte gesetzlich vorgeschriebene Qualifikationen wie Diplome oder Zertifikate erforderlich sind. Das gilt zum Beispiel für medizinische oder juristische Berufe. Wer ohne entsprechendes Studium den Titel «Arzt / Ärztin» oder «Anwalt / Anwältin» verwendet, macht sich strafbar.

Im Journalismus ist das anders und das hat einen guten Grund: In einer Demokratie sollen alle Menschen grundsätzlich das Recht haben, Informationen zu veröffentlichen, Meinungen zu äussern und Medien zu betreiben. Diese Freiheit ist ein Grundpfeiler der Meinungs- und Medienfreiheit.

Freiheit geht Hand in Hand mit Verantwortung

Wer sich Journalist:in nennt, übernimmt damit aber mehr als nur ein Sprachrohr für die eigene Meinung. Journalist:innen tragen Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit. Sie sollen sorgfältig recherchieren, Fakten von Meinungen trennen und das Publikum verlässlich informieren – zum Beispiel über politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Themen.

Wenn sich aber jede Person mit Reichweite, ob Influencer:in, Blogger:in oder Aktivist:in, einfach Journalist:in nennen kann, ohne sich an berufsethische Standards zu halten, verwässert der Begriff. Für die Öffentlichkeit wird es noch schwerer, qualitativ hochwertigen Journalismus von reiner Meinungsäusserung zu unterscheiden.

Ein Ansatz: Das Berufsregister

Es gibt bereits jetzt Bemühungen, die Berufsbezeichnung der Journalist:innen besser zu schützen. Die Berufsverbände impressum, Syndicom und Stimme Schweizer Medienschaffenden (SSM) haben gemeinsam das Berufsregister ins Leben gerufen. Erfüllt man als Medienschaffender folgende Kriterien, kann man sich dort offiziell eintragen lassen:

  • Zweijährige hauptberufliche Tätigkeit (mind. 50%) als Medienschaffender nachweisen können
  • Mitglied in einem der drei Journalist:innenverbände sein
  • Die Erklärung der Pflichten und Rechte von Journalist:innen (herausgegeben vom Presserat) muss unterzeichnet werden

Ein Eintrag im BR erlaubt den Erhalt des offiziellen Schweizer Presseausweises (Schweizer Presseausweis CH-BR), der markenrechtlich geschützt ist. Er bringt berufliche Vorteile, wie zum Beispiel beim Zugang zu geschützten Informationen, bei Recherchen oder rechtlichen Fragen.

Grobgeschätzt sind ca. 6000 Journalist:innen im Register eingetragen. Das entspricht etwa 2/3 der aktiv tätigen Medienschaffenden. Natürlich gibt es aber auch seriöse Journalist:innen, die nicht offiziell im Berufsregister eingetragen sind, weil sie zum Beispiel neu im Beruf sind, keinem Verband beitreten wollen oder als Freie arbeiten.

Eine weitere Art der Qualitätssicherung ist die Anstellung durch ein Medienhaus. Medienunternehmen haben ihrerseits eine Sorgfaltspflicht, neue Redaktionsmitarbeiter:innen auf ihr Können und ihre Arbeitsweise zu prüfen. Journalist:innen erhalten ihrerseits eine Art «Berufszertifizierung» durch eine Anstellung bei einem privaten Medienhaus oder auch der SRG durch die Markenreputation des jeweiligen Unternehmens.

Der Verband impressum hat neben dem Berufsregister auch das Projekt «Trusted Journalists» lanciert. Auf der Website werden überprüfte Journalist:innen aufgeführt, die berechtigt sind einen offiziellen Presseausweis auf sich zu tragen. Das Register ist für die Öffentlichkeit einsehbar. Ein öffentliches Online-Register würde in Zukunft zum Beispiel ermöglichen, dass bei jedem Artikel der Name des Autors oder der Autorin verlinkt ist auf das Register. So wäre es leicht überprüfbar, ob jemand sich offiziell den ethischen Grundregeln im Journalismus verpflichtet hat oder nicht.

Das Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) prüft derzeit, ob es Presseausweisen, die mit Trust-J.org verknüpft sind, in irgendeiner Form eine offizielle Anerkennung erteilen kann. Die Plattform wird vom BAKOM auch erwähnt im Nationalen Aktionsplan für die Sicherheit von Medienschaffenden in der Schweiz. Voraussetzung wäre, dass die Plattform branchenübergreifen getragen würde.

Wie erkennt man seriösen Journalismus?

Bis eine einheitliche Regelung gefunden wird, gibt es trotzdem einige Tipps und Tricks, um seriösen Journalismus zu erkennen. #UseTheNews Deutschland hat ein kompaktes Handout entwickelt mit Erklärungen und Beispielen rund um das Thema Desinformation sowie Tipps zum Faktenchecken. Hier ein paar mögliche Schritte, um schnell Fakten prüfen zu können:

  1. Haben die Journalist:innen ihre Quellen Transparent gemacht in der Berichterstattung?
  2. Ist ein Publikationsdatum ersichtlich? Manchmal werden auch alte Informationen erneut verbreitet.
  3. Wer ist der Absender der Nachricht? Kommt es von einem Medienhaus? Oder einem privaten Social Media Account?

Die Liste ist natürlich nicht abschliessend. Eine kritische Einordnung von konsumierten Nachrichten ist aber immer erforderlich.

Die Haltung zählt

Dass sich jede:r Journalist:in nennen darf, ist Ausdruck unserer freien Gesellschaft – aber es ist auch eine Herausforderung. Allein durch den Titel ist kein Qualitätsstandart garantiert. Was zählt, ist das Verantwortungsbewusstsein, mit dem jemand arbeitet, recherchiert, prüft und berichtet.

Neben einem besseren Schutz für die Berufsbezeichnung der Journalist:innen, ist der beste Schutz die Steigerung der eigenen Medienkompetenz. Wer weiss wie Medien funktionieren, kann besser prüfen, welche Qualität die Information hat, die publiziert wurde.

Weniger Soziale Medien, mehr soziale Interaktion
Zu viel kann süchtig machen und die psychische Gesundheit schädigen. Was für das Glückspiel wie hier im Kasino Zürich gilt, gilt laut einer Studie der Leopoldina auch für Jugendliche im Umgang mit Sozialen Medien. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (Halle/D) hat dieser Tage ihr Diskussionspapier „Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ veröffentlicht. Dieses hat in unserem nördlichen Nachbarland einigen Wirbel ausgelöst, zumal die Diskussion über die Einschränkung oder das Verbot von Screens in Schulen und von Sozialen Medien für gewisse Altersgruppen in Deutschland schon sehr viel intensiver als hierzulande geführt wird.

Auch wenn die Studie die deutschen Verhältnisse untersucht, sind die von den Autoren gezogenen Schlüsse auch für die Schweiz interessant. Zwar attestieren die Forscher:innen, dass die Nutzung sozialer Medien durchaus positive Effekte für Heranwachsende haben. Bei intensiver Nutzung könnten jedoch negative Auswirkungen auf das psychische, emotionale und soziale Wohlbefinden auftreten, wie Depressions- und Angstsymptome, Aufmerksamkeits- oder Schlafprobleme, schreiben sie. Sie halten auch fest, dass viele Jugendliche ein riskantes, manche sogar ein suchtartiges Nutzungsverhalten zeigten.

Die von der Autoren gemachten Empfehlungen werden auch hierzulande kontrovers beurteilt – z.B. die altersabhängige Zugangs- und Funktionsbeschränkung. Eine Massnahme aber können wir vorbehaltslos unterstützen: Die Vermittlung von Medienkompetenzen, etwa Methoden zur Identifizierung von Falschnachrichten und vertrauenswürdigen Quellen, der Einsatz und die Wirkung von KI, und die Vermittlung eines kritischen Bewusstseins zum eigenen Mediennutzungsverhalten.

Schulen im Flugmodus: Braucht es ein Handyverbot im Klassenzimmer? Was findet Ihr? – Nehmt Teil an der Umfrage!
Nicht nur im Klassenzimmer lenkt das Handy ab: Auch im Deutschen Bundestag – wie hier bei der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Sitzung im November 2017 – wird fleissig getippt. (KEYSTONE / EPA / Christian Bruna)

Die digitale Welt ist längst Teil des Schulalltags: Videos werden geteilt, Stundenpläne gecheckt, mit Freunden gechattet oder Games gezockt. In der Schweiz gibt es keine nationale Regelung zur Handy-Nutzung in Schulen. Jede Schulgemeinde regelt diese Frage individuell und Schulbildung liegt in der Kompetenz der Kantone. Vom kompletten Verbot auf dem Schulgelände bis zu freier Nutzung in Pausen und Einsatz im Unterricht gibt es alles.

Der politische Blick aufs Handy

Würde ein Verbot zu besserer Konzentration in der Schule führen? Würden die Jugendlichen wieder mehr sozial interagieren? Solche Fragen prägen die Debatte rund um das Thema. Die einen sehen in einem Handyverbot die Lösung und eine Entlastung für Kinder und Jugendliche. Kritiker:innen warnen, dass es sinnvoller ist, Schüler:innen einen gesunden und reflektierten Umgang mit Technologien beizubringen.

Politisch ist die Debatte um die Pflicht, elektronische Geräte im Schulunterricht quasi in den Flugmodus zu stellen, in diesem Jahr ebenfalls neu aufgerollt worden. In zwei Postulaten wird einerseits eine Prüfung zum erhöhten Schutz von Kindern und Jugendlichen vor schädlichem Konsum der Sozialen Medien gefordert, andererseits die Prüfung eines Smartphone-Verbots an Schulen. Beide Forderungen wurden vom Ständerat ohne Gegenstimmen angenommen und auch vom Bundesrat gutgeheissen. Die Landesregierung soll nun unter anderem ein Handyverbot an Schulen prüfen. Laut persönlich.com äussert sich die Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider aber eher zurückhaltend im Hinblick auf ein nationales Handyverbot. Der Bund wolle sich nicht in kantonale Angelegenheiten einmischen.

Expert:innen sehen ein generelles Handyverbot kritisch

Die Bevölkerung ist sich sehr einig bei der Frage nach einem Handyverbot: 82% befürworten laut einer Umfrage von Sotomo ein Verbot. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) lehnt dagegen ein generelles Handyverbot an Schulen ab. Der Verband spricht sich für «individuelle, stufengerechte Regelungen, die von Lehrpersonen und Schulleitung gemeinsam entwickelt werden» aus. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) empfiehlt, orientiert an einer Studie, flexible Regelungen. Zwar warnt die OECD vor Lernrückständen bei Schüler:innen, die oft ihr Handy nutzen. Die Organisation ist aber überzeugt, dass die Geräte spätestens seit Corona ein fester Bestandteil vom Schulunterricht geworden sind und auch ihren Nutzen bewiesen haben.

In einem Artikel zum Global Education Monitoring Report (GEM) ruft die Unesco zu klaren Richtlinien für die Handy-Nutzung an Schulen auf: «Only technology that has a clear role in supporting learning should be allowed in school.» Ein striktes Verbot lehnt sie allerdings auch eher ab. Es gibt aber durchaus Länder, die bereits ein Handyverbot durchgesetzt haben und positive Effekte beobachten konnten. Dazu gehören zum Beispiel die Niederlande.

Anfang 2024 wurde dort ein striktes Verbot eingeführt. Die Smartphones dürfen nur in Ausnahmefällen benutzt werden, zum Beispiel beim Einsatz für pädagogische Zwecke. Das Verbot soll laut einer Umfrage des Bildungsministeriums dazu geführt haben, dass die Schüler:innen untereinander sozialer sind und dem Unterricht konzentrierter folgen. Es wurden 600 Lehrer:innen und Schulleiter:innen befragt. Wie sich ein Smartphone-Verbot aber auf schulische Leistungen auswirkt, ist in der Wissenschaft nach wie vor eine offene Frage.

Was machen die Nachbarn?

Ein Handyverbot beschäftigt also nicht nur die Schweizer:innen. Europaweit wird über die Frage diskutiert, in welchem Umfang Kinder und Jugendliche Smartphones nutzen dürfen.

Ein Überblick:

  • Deutschland: In Deutschland gibt es kein bundesweites Handyverbot an Schulen, da Bildung in die Zuständigkeit der Bundesländer fällt. Die Regelungen unterscheiden sich je nach Bundesland. Hessen plant als erstes ab dem Schuljahr 2025/2026 ein grundsätzliches Verbot der privaten Handynutzung an Schulen. In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sind ebenfalls strengere Vorgaben in Planung. Aktuell entscheiden vielerorts die Schulen selbst über den Umgang mit Smartphones.
  • Frankreich: Im Jahr 2018 hat Frankreichs Regierung ein nationales Handyverbot beschlossen. Das Gesetz verbietet grundsätzlich die Nutzung von Smartphones und Tablets an der Primar- und Sekundarschule. Ausgenommen von der Regelung sind Gymnasien (Lycées).  Die pädagogische Nutzung von Smartphones ist aber weiterhin erlaubt.
  • Italien: In Italien gilt seit 2024 ein striktes Handyverbot im Unterricht: Smartphones dürfen während der Zeit in der Schule weder privat noch zu Lernzwecken genutzt werden. Erlaubt sind nur Tablets oder Computer – aber nur mit Zustimmung der Lehrperson. Ziel ist es, Konzentration und klassische Lernmethoden wie Schreiben mit der Hand zu fördern.
  • Österreich: ​In Österreich wurde am 1. Mai 2025 ein bundesweites Handyverbot für Schulen bis zur achten Schulstufe eingeführt. Dieses Verbot umfasst sowohl den Unterricht als auch die Pausen und gilt für Smartphones und Smartwatches. Ziel ist es, Ablenkungen zu reduzieren und die Konzentration der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Ausnahmen können von den Schulen selbst festgelegt werden, beispielsweise für den Einsatz digitaler Geräte zu Unterrichtszwecken.

Ob ein generelles Handyverbot oder flexible Regeln – die Frage, wie digitale Geräte im Schulalltag sinnvoll eingesetzt oder bewusst ausgeklammert werden sollen, bleibt komplex. Ist es sinnvoll das Handy in Schweizer Klassenzimmern ganz auszuschalten? Oder sollte man den Flugmodus gezielt einsetzen, um zu entscheiden, wann es sinnvoll ist, die Verbindung nach aussen ganz zu kappen für die Konzentration und wann das Smartphone gezielt im Unterricht eingesetzt werden kann? Die Debatte macht deutlich, wie sehr das Handy im Klassenzimmer Jung und Alt beschäftigt. Es geht nicht um ein klares entweder-oder, sondern um die Suche nach einer ausgewogenen Lösung: zwischen Ablenkung und Potenzial.

Deine Meinung zum Verbot von Handy, Pad und Smartwatch an Schulen

Wie seht Ihr zu einem Verbot der privaten, nicht schulischen Zwecken dienenden Nutzung von Handy, Pads oder Smartwatches während der Schul- bzw. Unterrichtszeiten?

Nachrichtenkompetenz erhöht Zahlungsbereitschaft für Medien
Wie hier in China ist es völlig normal, dass wir schwimmen lernen. Mit Nachrichten umzugehen lernen wir eher noch zufällig, als bestünde keine Gefahr, im unendlich grossen Meer der Informationen unterzugehen. (AP Photo)

Das Reuters Institute in Oxford gibt jedes Jahr den Digital News Report heraus, eine Studie über die Angebots- und Nachfrageentwicklung der Medien in inzwischen 48 Ländern der Welt. Es ist inzwischen eine der wichtigsten Referenzmarken in der Medienforschung, weil es kontinuierlich die Veränderungen bewertet, immer wieder neue Fragestellungen untersucht und somit einen empirischen Langzeitbefund liefert. Für die Ausgabe von 2025 wurde zum ersten Mal auch derZusammenhang zwischen Nachrichtenkompetenz (news literacy) und dem Nutzungsverhalten inkl. der Zahlungsbereitschaft für journalistische Nachrichtenquellen untersucht.

Die für die Schweiz vom Forschungszentrum für Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög) erhobenen Daten zeigen, dass es bei den Befragten einen positiven Zusammenhang gibt zwischen dem Interesse an Nachrichten und einer formellen/informellen Bildung in Nachrichtenkompetenz. Von den 51 Prozent derjenigen, die angaben, stark oder sogar sehr stark an Nachrichten interessiert zu sein, hatten 31 Prozent eine Schulung oder gar eine Ausbildung im Umgang mit Nachrichten. Umgekehrt lag der Wert derjenigen 12 Prozent, die sich kaum für Nachrichten interessierten, auch bei der Schulung bei tiefen 15 Prozent.

Je höher die formale Bildung, desto eher liegt auch die Wahrscheinlichkeit einer Schulung in Nachrichtenkompetenz. Umgekehrt gilt das beim Alter; bei den unter 35-Jährigen lag die Quote bei 42 Prozent, bei den über 35-Jährigen sinkt sie auf 20 Prozent. In Kombination zeigt sich, dass je jünger die Person und je höher der Bildungsgrad ist, desto höher auch die Erfahrung mit Medienkompetenz-Schulungen ist. Hier dürfte sich die schulischen Anstrengungen zeigen, Medienkompetenz zu vermitteln.

Insgesamt aber ist in der Schweiz der Anteil jener Menschen mit 25 Prozent aber noch bescheiden, die angeben, dass sie je eine solche Schulung erfahren hätten. 69 Prozent verneinen dies. Nordische Länder, allen voran Finnland, sind da deutlich weiter.

Empirisch belegt ist, dass für eine mündige Partizipation am direktdemokratischen Entscheidungssystem die Förderung von Nachrichtenkompetenz sinnvoll sein kann. Nun weist das fög aber auch nach, dass unabhängig vom Bildungsgrad und unabhängig vom Nachrichteninteresse die Zahlungsbereitschaft für journalistische Inhalte markant höher ist, wenn eine Person eine Schulung im Umgang mit Nachrichten erhalten hat.

Mehr TikTok, weniger ARD und ZDF
Seinem Netzwerk X hat die Stippvisite im Weissen Haus nicht geholfen: Elon Musk (links) anlässlich seiner Verabschiedung als Sonderberater durch Präsident Trump am 30. Mai 2025. (AP Photo/Evan Vucci)

Es sind zwar kein universitäres Institut oder eine renommierte Forschungsabteilung, die den jährlich in Deutschland erscheinenden „Social-Media-Atlas“ erstellen, sondern mit dem Institut für Management- und Wirtschaftsforschung der Faktenkontor-Gruppe ein kommerziell ausgerichtetes Beratungsunternehmen: Die Befunde aber sind trotzdem beachtenswert, auch angesichts der Zahl der befragten 3500 Personen und den Vorjahresvergleichen. In der Kurzfassung: Social Media gewinnt nicht nur an Nutzer:innen, sondern auch an Vertrauen im Vergleich zu klassischen Nachrichtenseiten.

2025 liegt der Anteil jener Menschen im Alter von 20-29 Jahren bereits bei 57 Prozent, die angeben, Inhalten auf Sozialen Medien mehr zu vertrauen als solchen auf Nachrichtenseiten bekannter Medienmarken. Das sind 14 Prozentpunkte mehr als 2024. Aber auch ältere Bevölkerungsgruppen neigen mit inzwischen mehr als 50 Prozent dazu, TikTok, X oder Youtube zu glauben.

Dass das Vertrauen steigt, dürfte auch an der langen Verweildauer liegen. Über 80 Prozent der Internetnutzer in Deutschland surft bereits auf sozialen Netzen, und das zeitlich nicht zu knapp mit kumuliert 18 Stunden pro Woche. Bei Jugendlichen ist es fast schon doppelt so lange.

Überhaupt zeigt sich laut der Studie ein „Alterungsprozess“ bei der Nutzung einschlägiger Plattformen. Galt bisher nur Facebook als Medium für die älteren Semester, nutzt inzwischen jeder vierte der 50-59-Jährigen TikTok. Im Vergleich dazu sind es bei Jugendlichen unter 20 Jahren acht von zehn.

Unangefochten am beliebtesten sind Whatsapp und Youtube. Facebook und Instagram hinken hinterher. Das Berufsnetzwerk Linkedin wiederum ist nicht mehr nur für ältere Semester relevant, sondern ist zunehmend auch bei Berufseinsteiger populär. Wenig überraschend wiederum ist dagegen angesichts der politischen Mission seines Mehrheitseigners Elon Musk, dass X (vormals Twitter) an Zustimmung verliert.

Relevant für die Förderung von Nachrichtenkompetenz schliesslich finden wir das Ergebnis, dass immerhin 84 Prozent der Befragten angeben, dass sie gelegentlich auf Inhalte stossen, die sie als Fake News wahrnehmen. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass jede Minute, die für einen kritischen Umgang mit Inhalten im Netz aufgewendet wird, sinnvoll investierte Zeit ist.

Journalismus weltweit unter Druck
Platz 111: Journalist:innen arbeiten in Haiti unter prekären Bedingungen und müssen sich bei Demonstrationen wie zum Beispiel am 19. März 2025 in Port-au-Prince immer wieder in Sicherheit bringen. (KEYSTONE / AP Photo / Odelyn Joseph)

Die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen (RFS) hat am 2. Mai 2025 ihren jährlichen Bericht zur Lage der Pressefreiheit veröffentlicht. «Die weltweite Lage der Pressefreiheit ist 2025 auf historischem Tiefstand», schreibt RFS in ihrer Medienmitteilung. Neben dem Aufschwung von autokratischen Regimen und fragilen Sicherheitslagen in gewissen Ländern spielt vor allem der ökonomische Druck auf die Medien eine grosse Rolle. In fast einem Drittel der untersuchten Länder mussten Redaktionen im vergangenen Jahr aus wirtschaftlichen Gründen schliessen. Intransparente staatliche Inserate Vergabe, sinkende Werbeeinnahmen und die Marktmacht grosser Tech-Konzerne verschärfen die Situation der Medien zusätzlich. Aufgrund dieses wachsenden wirtschaftlichen Drucks stuft Reporter ohne Grenzen die weltweite Lage der Pressefreiheit erstmals als gesamthaft «schwierig» ein.

Laut RFS leben mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Staaten mit «sehr ernster Lage» der Pressefreiheit. Gerade mal sieben Länder werden als «gut» eingestuft im gesamten Ranking. Die Schweiz verpasst diese Einstufung knapp, ist aber mit «zufriedenstellend» im weltweiten Vergleich sehr gut gestellt.

Die Lage der Schweiz im Detail

Die Schweiz belegt 2025 wie schon im Vorjahr Platz 9 auf der «Rangliste der Pressefreiheit» von Reporter ohne Grenzen. Zwei zentrale Schwachpunkte verhindern ein besseres Abschneiden: Defizite im gesetzlichen Schutz für die Arbeit von Medienschaffenden sowie der zunehmende wirtschaftliche Druck.

Auf juristischer Ebene kritisiert Reporter ohne Grenzen vor allem den Artikel 47 des Bankengesetzes: In der Schweiz ist gesetzlich noch nicht klar geregelt, ob das Bankgeheimnis auch auf Journalist:innen anwendbar ist, deren Berichterstattung auf Bankdaten beruhen, die illegal von Dritten beschafft wurden, zum Beispiel, weil sie geleakt wurden oder von einem Whistleblower stammen. Selbst wenn die Medienschaffenden selbst nicht gegen das Gesetz verstossen haben, sondern sich an ihre beruflichen Standards halten, drohen ihnen unter Umständen strafrechtliche Konsequenzen. Reporter ohne Grenzen Schweiz fordert daher eine klare Gesetzesänderung, um den Schutz von journalistischer Arbeit im Einklang mit der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu gewährleisten.

Das Jahr 2024 war in der Schweiz von umfassenden Sparmassnahmen in den Medienunternehmen geprägt. Diese Entwicklung belastet die ohnehin angespannte Lage der Medienlandschaft weiter. Die langfristige Gewährleistung eines flächendeckenden und verlässlichen Informationsangebots ist insbesondere in Randregionen nicht gesichert. Eine Übersicht über die wirtschaftliche Lage der Medienlandschaft hat die Republik in einem fortlaufenden «Watchblog» erstellt. Darin werden Entlassungen, Sparmassnahmen und politische Debatten rund um Journalismus chronologisch festgehalten.

Neben den wirtschaftlichen Problemen wird von Reporter ohne Grenzen auch die fehlende Regulierung von Online-Plattformen kritisiert. «In der Schweiz mit ihrem System der direkten Demokratie ist dieser Punkt besonders wichtig», sagt Isabelle Cornaz, Präsidentin von RSF Schweiz.

Keine Lust mehr auf News

Neben den strukturellen Problemen, denen der Journalismus gegenübersteht, ist auch das individuelle Nutzungsverhalten von der Bevölkerung entscheidend. Fast die Hälfte der Menschen in der Schweiz verzichtet ganz auf aktiven Nachrichtenkonsum und zählt damit zu den sogenannten News-Deprivierten. Wenn das Interesse schwindet an Journalismus, schwindet auch das Bewusstsein für Missstände in der Medienbranche, aber auch ganz generell in politischen Diskursen.

Dazu kommt, dass immer mehr junge Leute, News ausschliesslich über Social Media konsumieren, was die Finanzierung von unabhängigen Medienplattformen enorm erschwert. Medienhäuser können zwar über Social Media eine hohe Reichweite generieren und eine junge Zielgruppe erreichen. Geld verdienen sie damit in den meisten Fällen aber nicht.

Wie kann man Pressefreiheit messen?

Die Rangliste von Reporter ohne Grenzen basiert auf einem umfassenden System: Seit 2002 werden jedes Jahr 180 Länder und Territorien hinsichtlich ihrer Medienfreiheit untersucht. Der Index bewertet fünf Dimensionen:

  1. Politischer Kontext
  2. Rechtlicher Rahmen
  3. Wirtschaftliches Umfeld
  4. Soziokultureller Kontext
  5. Sicherheit

Jeder Staat erhält in diesen Kategorien einen Punktwert zwischen 0 und 100. Der Wert 100 steht für maximale Pressefreiheit. Diese Daten werden zum einen auf Grundlage einer Untersuchung, für die ausgewählte Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und Menschenrechtsverteidiger:innen in den jeweiligen Ländern einen Fragebogen mit über 120 Fragen beantworteten, zum anderen auf Grundlage von quantitativen Erhebungen zur Sicherheit von Journalisten und Medien.

Wie im Unterricht neu verdrahten? – Tipps und Tricks für Lehrpersonen
Wie sollen wir neu verdrahten? Diese Frage stellt sich auch diesen Arbeiter der SBB, die eine heruntergerissene Fahrleitung beim Bahnhof Uster reparieren. (KEYSTONE/Markus Heinzer)

Die diesjährige Nachrichtenkompetenz-Tagung vom 21. März 2025 umfasste auch 11 Breakout-Sessions. In diesen haben unsere Partner Lehrpersonen und Interessierten diverse Tipps und Tricks, aber auch Hinweise auf Entwicklungen und Forschungsergebnisse vermittelt – teilweise aber auch in Co-Creation-Workshop neue Erkenntnisse mit den Teilnehmenden erarbeitet.

Daraus entstanden ist eine Sammlung aus praktischen und theoretischen Hinweisen, eine Toolbox auch für den Unterricht und zur direkten Verwendung. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat diese Sammlung für uns aufbereitet und bietet sie Interessierten kostenlos zum Download und zur Weiterverbreitung an. Die Dokumente sind in deutscher Sprache verfasst.

Medienkompetenz-Vermittlung Sek II: fragmentiert und nach dem Zufallsprinzip
Auch hier dominierte das Zufallsprinzip: Ziehung der Lottozahlen im Schweizer Fernsehen anno 1970, überwacht von der damals als „Glücksfee“ titutlierten Assistentin Maja Wintschi, dem Notar Dr. Merz (Mitte) und dem Kantonspolizisten Fischer. (KEYSTONE/Str)

In Zeiten digitaler Kommunikation, der Demokratisierung der Kommunikationsstrukturen und des Phänomens von Desinformation erhält die Förderung von Medienkompetenz grosse Bedeutung. Ein kompetenter Umgang mit medialer Kommunikation gilt als Voraussetzung für die Teilhabe in modernen demokratischen Gesellschaften. Während der Lehrplan 21 auf der Primar- und Sekundarstufe I Medien als eigenen Kompetenzbereich integriert, fehlen entsprechende Konzepte und Mittel auf der Sekundarstufe II (Gymnasium und Berufsfachschulen). Daher blieb lange unklar, welche Kompetenzen und welches Wissen im Bereich Medien in diesen Schulstufen vermittelt werden. Vorliegende deskriptive Studie gibt eine Übersicht über die Ausganglage des Unterrichts zu Medienkompetenz auf Sekundarstufe II (Gymnasium & Berufsfachschulen).

In der Onlinebefragung und den nachgelagerten Leitfadengesprächen mit Lehrpersonen, welche im Bereich „Medien“ unterrichten, werden Rahmenbedingungen, Themensetzung, Vermittlung und Bedürfnisse der Lehrpersonen bei der Vermittlung von Medienkompetenzen erhoben. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie fragmentiert die Ausbildung auf dieser Bildungsstufe in diesem Bereich ist und wie zufällig der Unterricht von der Vorbildung, vom Fach und insbesondere der intrinsischen Motivation der Lehrperson bestimmt wird.

Für Nachrichtenkompetenz braucht es Motivation und Lebensrelevanz
Wenn wie hier im Hitzesommer 2022 der Doubs bei Les Brenets ganze Flüsse in der Schweiz austrocknen, betrifft das auch das Leben vieler Jugendlicher. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Was ist eigentlich Nachrichtenkompetenz? Bzw. was umfasst eigentlich der Begriff Nachricht – oder News? In der traditionellen Journalismusforschung wird das Konzept «News» häufig anhand von Kriterien definiert, die dem professionellen Journalismus zugrunde liegen. Vor allem Studien im Bereich der qualitativen Publikumsforschung zeigen, dass sich insbesondere im Kontext von Social Media das Begriffsverständnis aus Sicht von Mediennutzer*innen verändert. Dabei ist nicht immer ganz klar, welche Inhalte nun in den Bereich «News» gehören. Nachrichten zum Weltgeschehen sind in diesem Umfeld zunehmend fragmentiert und grenzen sich immer weniger von anderen Formen der Kommunikation ab. Private und öffentliche Sphären verschmelzen im digitalen Raum, Marketinginhalte stehen potentiell neben Propaganda und Desinformationen und Inhalte können von verschiedensten Akteuren erstellt und verbreitet werden.

In dieser komplexen Medienumgebung wird das Konzept der Nachrichtenkompetenz (News Literacy) immer wichtiger. Tully und Kollegen (2022) verbinden mit Nachrichtenkompetenz Wissen und die Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, den komplexen Prozess der Nachrichtenproduktion, -verbreitung und -konsumation zu verstehen. Es geht darum, die verschiedenen sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Prozesse hinter der Entstehung von «News» zu verstehen und die Qualitätskriterien einer journalistischen Nachricht zu kennen.

Fünf Wissens- und Kompetenzbereiche

Tully und Kollegen identifizieren in einem 5C-Diagramm fünf zentrale Wissens- und Kompetenzbereiche, die für die Umschreibung von Nachrichtenkompetenz zentral sind:

  1. Kontext: Hier geht es um Wissen über die sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Nachrichtenproduktion. Hierzu gehört bspw. das Wissen über Geschäftsmodelle von Verlagen oder Kenntnisse zur Differenzierung zwischen öffentlich und privat finanzierten Medien.
  2. Kreation: In diesem Bereich wird das Verständnis des Prozesses der Nachrichtenproduktion thematisiert. Also z.B. Kompetenzen im Bereich der Konzeptualisierung von Berichterstattung, Wissen über journalistische Qualitätsstandard bis hin zu Kenntnissen im Bereich journalistischer Arbeitsprozesse und Leitlinien.
  3. Inhalt: Hier wird u.a. die Fähigkeit beschrieben, die qualitativen Inhaltsmerkmale einer Nachricht zu erkennen und sie von anderen Medieninhalten wie Werbung oder Kommentaren zu unterscheiden.
  4. Verbreitung: Dieser Bereich umfasst bspw. Wissen darüber, wie Nachrichten verbreitet werden und welche Akteure, einschliesslich Algorithmen auf Social Media, diesen Prozess beeinflussen.
  5. Konsum: Hier geht es darum, dass Individuen verstehen, dass individuelle Faktoren wie Motivation, Weltanschauung oder Werthaltungen die Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Nachrichtennutzung beeinflussen.

Diese Kompetenz- und Wissensbereiche beschreiben verschiedene Aspekte, die wichtig sind, um sich im digitalen Nachrichtenumfeld zurechtzufinden. Tully und Kollegen (2022) betonen, dass die geforderten Kompetenzen sich ständig an den Medienwandel anpassen. So gewinnen andere Kompetenzen an Bedeutung, wenn neue Akteure wie KI-Modelle in die Verbreitung von Nachrichten involviert sind.

Medienkompetenz und Medienperformanz

Die Medien- und Nachrichtenkompetenz ist eng mit der Medienperformanz – also dem praktischen Handeln in der Medienwelt – verknüpft. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Aneignung von Medienkompetenz nicht nur durch formale Bildung, sondern auch durch den praktischen Umgang mit Medien und die Reflexion über eigene Medienerfahrungen erfolgt (Trültzsch-Wijnen, 2021).

In diesem Kontext spielen auch individuelle Faktoren wie Motivation, Interesse und Gedächtnisleistung eine Rolle. Sie beeinflussen den Transfer von Medienkompetenz zur Medienperformanz. Umgekehrt wird die Medienkompetenz durch die direkte Auseinandersetzung mit Medien weiterentwickelt. Das bedeutet auch, dass es durchaus möglich ist, theoretisch kompetent im Umgang mit Medien und Nachrichten zu sein, während es praktisch an Motivation fehlt, sich z.B. mit Nachrichten und anderen journalistischen Inhalten auseinanderzusetzen.

An diesen Umstand sollte man sich daher bei der Vermittlung von Medien- bzw. Nachrichtenkompetenz stets erinnern: Es ist zentral, Interesse und Motivation zu wecken – und sich dabei an den Lebensrealitäten von Schüler*innen, aber auch ganz generell der Menschen zu orientieren.

Zwei Stunden «Medien und Informatik» reichen nicht
Ohne Lesefähigkeit geht es nicht, heute nicht im digitalen Zeitalter, damals nicht im Betriebsalltag im Postcheckamt der PTT an der Claridenstrasse in Zürich bei der Addition und Prüfung von Geldanweisungen. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Milou Steiner, Walter Scheiwiller)

Es war vielleicht die pointierteste Aussage an der zweiten Nationalen Nachrichtenkompetenz-Tagung, die am Freitag (21. März 2025) an der ZHAW in Winterthur vom Verein UseTheNews in Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Medienwissenschaften (IAM) durchgeführt wurde: Auf die Frage, wie er denn als TikTok- und Instagram-Star mit Millionen von Followern die Wirkung sozialer Medien gerade auf Jugendliche einschätze, antwortete der frühere Musik- und Sportlehrer Jodok Vuille alias «Jodokcello» in erfrischender Offenheit: «Kein Handy bis 12 – und geht in die Natur und pflegt Freundschaften!» Er selbst sei bereits Opfer geworden, durch fake accounts, «falsche» Jodokcellos, die in seinem Namen ahnungslose Fans zu ködern versuchten. Er habe dadurch gelernt, extrem vorsichtig zu agieren und zurückhaltend zu bleiben mit Privatem.

YouTube ist «lame»

Der aus dem Emmental stammende Lehrer hatte zuvor von seinem kometenhaften Aufstieg als Cellist dank den sozialen Medien berichtet – wobei ihm seine Schüler:innen zu TikTok und Instagram geraten hätten, nachdem er zunächst nur auf YouTube unterwegs gewesen sei. Das sei «lame» – er solle von der Horizontalen in die Vertikale wechseln.

Heute kann er von seinen Posts leben, die auch einmal atemberaubende 86 Millionen Views generieren können. Seinen Erfolg sei harte Arbeit, erläuterte der Künstler. Und das Resultat der selbst gemachten Erfahrung, wie auf sozialen Medien eine Kommerzialisierung erzielt wird. Entscheidend seien für die Algorithmen vier Dinge: Die «Watch-Time», also gemessen an der Zeitdauer eines Clips der prozentuale Anteil der Zeit, in der das Video effektiv geschaut wird (in seinem Fall 300 Prozent); Kommentare zulassen, insbesondere auch negative (weil diese in seinem Fall eine Mehrzahl positiver generieren); die Likes und die Shares.

«One fits all» funkioniert nicht

In die Tagung eingeführt hatte die rund 150 Lehrer:innen und Vertreter aus Bildung, Wissenschaft und Medien die Forscherin Fiona Fehlmann vom IAM. Sie erläuterte die verschiedenen Dimensionen von Nachrichtenkompetenz und deren Wechselwirkung anhand des 5C-Schemas von Tully aus dem Jahr 2022. Die damit angesprochene Komplexität, was alles Nachrichtenkompetenz umfasst, macht es für Erziehungs- und Bildungsverantwortliche nicht einfach, diese bei Jugendlichen zu fördern.

«One fits all» funktioniert dabei nicht, das wurde in einem engagiert geführten Panel zwischen dem Sekundarschullehrer Kaspar Vogel, der Gymnasiallehrerin Lea Thalmann-Truniger und dem Direktor des Berufsbildungszentrums Olten, Georg Berger, rasch deutlich. Während Thalmann im Unterricht Handy und Tablets einsetzt («bring your own device») und damit auch gute Erfahrungen macht (gleichzeitig aber auch eingesteht, dass sie angesichts der teilweise schon erreichten Mündigkeit ihrer Schüler:innen kaum Möglichkeiten sieht, den Gebrauch zu verbieten), setzt sich Vogel auch in seiner Rolle als Gemeinderat für ein Handy-Verbot ein – im Wissen um den Zielkonflikt, gemäss Bildungsauftrag digital unterrichten und bilden zu müssen.

Wenn schon findet er es sinnvoller, einen bewussten Einsatz von Digitalmedien während des Unterrichts anzustreben. Das Hervorholen und Wegräumen auch von Handys und Pads – in die Garage stellen, wie er es bezeichnete – führe zu einer stärkeren Fokussierung. Was man seiner Meinung nach nicht tun sollte, sei Jugendliche einfach sich selbst zu überlassen mit den Devices und einer Aufgabe.

Seine Schüler:innen stammten oft aus bildungsfernen Familien, erläuterte er seine Haltung. Das Handy sei für sie auch zuhause sehr häufig die einzige Beschäftigung, was auch zu einer gewissen sozialen Vereinsamung führen kann. Das macht sie u.U. anfälliger für Hassbotschaften oder Desinformations-Kampagnen. Gerade während des Gaza-Krieges seien Schüler:innen etwa auf TikTok mit problematischen einseitigen Informationen und Bildern konfrontiert, was gefährlich sei, führte der Lehrer aus. Auch habe er in Chat-Gruppen mit sexistischen oder politischen Botschaften zu tun. Er scheue sich dann nicht, persönlich auf Schüler:innen und die Eltern zuzugehen, schliesslich habe er auch einen Erziehungsauftrag. Schulische Sanktionen, etwa einen Verweis auszusprechen, sieht er dagegen als wenig wirksam an.

Thalmann wiederum unterrichtet im Kurzzeit-Gymnasium «ihre» Klasse während zwei Stunden. Für andere Lektionen sind andere Lehrer:innen zuständig. Schulstufe und -typ beeinflussen also ebenso Möglichkeiten und Grenzen, auf die Schüler:innen einzuwirken.

Berger wiederum – auch er im Kontext mit Schüler:innen, die bereits in einer Lehre stehen und älter sind – hat als Folge kritischer Medienberichte über seine Bildungsinstitution erlebt, dass Jugendliche Nachrichten durchaus reflektieren, wenn sie ein Thema direkt betrifft bzw. dieses einen Bezug zu ihrer Lebensrealität hat. Allerdings stellt auch er fest, dass es vielen Schüler:innen nicht leicht fällt, zwischen Meinung, Fakten und Interpretation differenzieren zu können.

Einig waren sich die drei, dass die Schule nicht umfassend die Förderung von Nachrichtenkompetenz schultern kann. Es brauche neben Elternhaus und Lehrbetriebe auch weitere Angebote und Unterstützung, so ihr Tenor. Dabei mangelt es Schüler:innen nicht an technischem Verständnis: Sie seien durchaus «fit», ja fitter in der Anwendungskompetenz als ihre Lehrer:innen oder Eltern, sagte Berger. Nur eben: In der Gerätebedienung schnell zu sein heisse nicht automatisch lösungs- und zielgerichtet, und schon gar nicht inhaltlich-kritisch bewertend. Bildung sei daher immer auch Reifung, findet Berger.

Plädoyer für mehr Lesefähigkeit

Der Jugendbuch-Autor und Journalist Thomas Feibel plädierte in seiner Keynote für Lesefähigkeit als neuen «Leitbegriff» in der Medienkompetenz. Dabei fasst er diesen bewusst weit: «Lesen» können man ganz unterschiedlich: linear ein Buch, wissensgetrieben ein Lexikon, interessengeleitet eine Zeitung. Aber auch Gaming oder soziale Netzwerke benötigten Lesefähigkeit – wobei diese eben nicht (nur) TikTok und Co. umfassten, sondern «echte Menschen», Freunde, Familie, Verwandte. Auch für Daten benötige man Lesefähigkeit – allein schon angesichts der Tatsache, dass im Internet so etwas wie Privatsphäre nicht mehr existiere, führte Feibel aus.

Die Diskussionen in seinem Heimatland Deutschland, wie in Österreich oder Italien bundesweit ein Handy-Verbot an Volksschulen zu erlassen, findet er wichtig und dennoch falsch geführt. Es brauche kein Verbot, sondern die Vermittlung des richtigen Umgangs mit Medien, und dies durchgängig vom Kindergarten bis zum Schulabschluss. Eben von Lesefähigkeit.

Handlungsbedarf hoch und dringend

Diesen Handlungsbedarf bejahten dann auch die Teilnehmer des zweiten Panels, die Lehrerin Ute Heckroth und die junge «YouMedia»-Mitarbeiterin Jenny Kitzka sowie der Leiter Pädagogische Arbeitsstelle des Dachverbands der Lehrer:innen in der Schweiz, Beat A. Schwendimann, und Flurin Senn, Leiter Bildung und Erziehung der PH Zürich.

Schwendimann sieht die Förderung der Nachrichtenkompetenz als dringlich an, wobei die vielen Akteure besser vernetzt werden sollten. Auch könne die Schule nicht alles leisten. «Das Elternhaus muss hier mitwirken, aber auch Behörden, die Politik, die Medien», sagte er, verbunden mit dem Wunsch, dass die Dringlichkeit erkannt werde, weil die ungefilterte Meinungsbildung immer schwieriger werde. Dem entgegenzuwirken, reichten zwei Stunden «Medien und Informatik» nicht. Medienkompetenz sei ein fächerübergreifender Bildungsauftrag – die Eingrenzung auf ein Fach wie im Lehrplan21 vorgesehen sei nicht ausreichend.

Sie habe nie einen spezifischen Medien-Unterricht genossen, gestand Kitzka. Und sie sei selbst ja irgendwie auch ein «Opfer» von sozialen Medien. Diese jedoch seien eine Realität, gerade in ihrer Altersgruppe, dafür könnten die Jugendlichen aber nichts. Sie wäre daher interessiert, kompetenter zu werden im Umgang.

Auch Senn sieht dieses Bedürfnis in der Ausbildung angehender Lehrer:innen, die ja wie Kitzka quasi zur «Zielgruppe» für die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz gehören. Junge Studierende reflektierten ihre Mediennutzung schon, auch sei der Unterrichtsgegenstand – Medien – attraktiv, weil sehr lebensnah und von grosser individueller Bedeutung, erläuterte er. Gleichzeitig müsse man aber auch Praktiken als Lehrer:innen überdenken, die als Privatperson vielleicht logisch seien, wie etwa die Einrichtung eines Klassen-Chats auf WhatsApp. Das sei allein schon aus Datenschutzgründen nicht sinnvoll.

Schwendimann sieht hier auch das Dilemma zwischen Schutz und Teilhabe; mehr Restriktion vermindere die Fähigkeit zu partizipieren, und gleichzeitig wolle man Jugendliche vor Risiken dieser Partizipation bewahren.  Lehrer:innen wiederum müssten sich bewusst sein, ihrerseits auch eine Person des mindestens teilweise öffentlichen Interessen zu sein und immer auch ihre Schule zur repräsentieren. Einen «Onlyfan»-Account zu betreiben sei daher eher nicht zu empfehlen.

Für die an einer Berufsschule arbeitende Lehrerin Heckroth wiederum ist das Hauptproblem bei der Vermittlung von Nachrichtenkompetenz(en) der Zeitbedarf und die strukturellen Vorgaben. Mit der auf Sek-II-Stufe häufig praktizierten Devise «bring your own device» sei es für sie im Unterricht extrem schwierig zu kontrollieren, wer nun was genau auf seinem Screen tue.

Handy-Verbot wenig zielführend

Trotz dieser vielen Bedenken hielten aber auch diese Fachleute ein Handy-Verbot für eher wenig zielführend. Der Dachverband erachtet laut Schwendimann eine unterrichtsbezogene und -angepasste Nutzung für sinnvoller; das schliesse ein Nutzungsverbot für private Zwecke im Rahmen der Schulordnung nicht aus. Er mahnte dabei auch an, mindestens auf Ebene des Schulkreises einheitliche Regelungen zu erlassen, dies allein schon aus praktischen Gründen für Eltern mit mehreren schulpflichtigen Kindern.

Einig waren sich die Panelisten auch darin, dass Jugendliche zwar im Fokus stehen sollten, aber die Gesellschaft als Ganzes gefordert ist, kompetenter zu werden im Umgang mit Medien.

KI-genierte Wirklichkeiten – ad absurdum

Ein eindrückliches Beispiel, wie gut – oder eben wie schlecht – KI beim Erstellen und Verfälschen von Fotos ist, zeigte der Winterthurer Cartoonist und Illustrator Ruedi Widmer. Ausgehend von einem Aufnahme, die einen Ausschnitt der Skyline von Manhattan zeigt, transformierte er diese einem staunenden Publikum fallweise in ein venezianisches Gemälde, in eine Stadt Flanderns des 17. Jahrhunderts, in Zürich oder in Marrakesch, dann wieder in einen Friedhof oder in eine Auslage von Parfümflakons. Ja selbst eine Häkeldecke oder eine IKEA-Möbellandschaft konnte er mit wenigen Prompts im Programm Midjourney generieren, immer das «Original» bewahrend bzw. dessen Kernelemente – die Wolkenkratzer Manhattans – nutzend. Das Ergebnis war so verblüffend wie irritierend: Unser Gehirn wandelt optische Eindrücke um und verfestigt sie zu einer neuen Wahrheit. Objektivität und Realität wandeln sich innert weniger Minuten, die Ratio wird übertölpelt.

Und doch gab sich Widmer getröstet, er, der laut seinen Worten bei Aufkommen erster KI-generierter Bilder unruhig geworden sei, weil er um seinen Brotjob gefürchtet habe: «Auch wenn die Qualität besser wird; KI-generierte Bilder sind erkennbar.» Wohl auch, mag man hinzufügen, weil das Ergebnis derart absurd ist.

Nachrichtenkompetenz: Förderung dringlich und notwendig

Intensive Diskussionen, kontroverse Panels, unterhaltsame Keynotes – und viel Gesprächsstoff während der Pausen und in den Breakout-Sessions: Das war die zweite nationale Nachrichtenkompetenz-Tagung an der ZHAW in Winterthur. Rund 150 Lehrer:innen v.a. der Stufen Sek I und II und Fachleute aus Bildung, Wissenschaft und Medien setzten sich während eines Tages mit Themen wie Handy-Verbot in Schulen, Lesefähigkeit, KI-generierte Inhalte, Foto-Verifikation oder digitale Schulordnung auseinander. Engagiert, ernsthaft, kollegial – und in einem einig: Die stärkere Förderung von Nachrichtenkompetenz unter Jugendlichen als eine Schlüsselkompetenz des anbrechenden virtuellen Zeitalters ist dringlich und notwendig. (Fotos: Til Bürgy / Keystone-SDA – Michi Steiner / SRG)

«Desinformation ist zu einem Flächenbrand geworden»
Ganz so einfach wie hier ein Waldbrand am Königsberg unterhalb vom Brocken im Harz (Deutschland) lässt sich der Flächenbrand der Desinformation nicht löschen. (KEYSTONE/DPA/Swen Pförtner)

Wie begeistert man junge Menschen für Journalismus? Dieser Frage geht die Initiative #UseTheNews in Deutschland nach. Mit dem «Jahr der Nachricht» hat sie 2024 Desinformation den Kampf angesagt. Mit dem Slogan «Vertraue Nachrichten, die Stimmen statt Stimmung machen» wollte die Initiative vor allem junge Menschen in Deutschland für Fakes News sensibilisieren und die Nachrichtenkompetenz erhöhen. Das Jahr ist um, aber die Mission noch nicht vorbei. Mit Meinolf Ellers, dem Geschäftsführer von #UseTheNews, werfen wir im Interview einen Blick zurück auf das vergangene Jahr und fragen nach, wie es weitergeht.

Meinolf Ellers, bevor wir genauer auf das «Jahr der Nachricht» eingehen, will ich noch kurz über #UseTheNews reden. Die Initiative gibt es seit 2020. Wie kam es zur Gründung von #UseTheNews in Hamburg und was war die Zielsetzung?

Die Initiatoren des Projektes – der Hamburger Senat, das Amt der Medien und die dpa – waren bereits im Gespräch zum Thema, wie die Zukunft von journalistischen Medien aussehen könnte. Seit 15 Jahren veranstalten wir in Hamburg zusammen eine Innovationskonferenz, die «Scoop Camp» heisst. Vor der Gründung von #UseTheNews im Jahr 2019 hatten wir dort als Keynote Speaker den langjährigen Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, zu Gast. Er hat grosse Sorgen geäussert, was mit den unter 30-Jährigen passiert, da sie als Zielgruppe für Nachrichten und Informationen völlig wegbrechen. Da haben wir uns dann die Frage gestellt, was wir tun können.

Zunächst wollten wir lediglich eine Studie mit dem Leibniz-Institut machen, um herauszufinden, wie es um die Nachrichtenkompetenz von jungen Menschen steht. Wir haben diese Idee aber sehr schnell weiterentwickelt. Zu wissen, dass es vielleicht schlecht steht um die Nachrichtenkompetenz der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, reicht nicht aus. Vielmehr wollten wir gleich eine Struktur ergänzen zu dieser Studie, die es uns ermöglicht, mit den Erkenntnissen konkret Gegenmassnahmen zu ergreifen.

Im fünften Jahr des Bestehens: Welche Zwischenbilanz ziehst du als Geschäftsführer – und was würdest du heute anders machen als damals bei der Gründung?

Wir wussten schon von Anfang an, dass wir aus dem Jahr 2024 etwas Besonderes machen wollen – anlässlich des 75. Jahrestages des Inkrafttretens des deutschen Grundgesetzes. In diesem Jahr wurde die dpa auch 75 Jahre alt, weshalb die Idee naheliegend war. In den ersten drei Jahren von 2020 bis 2023 wollten wir das Projekt erst mal auf ein Niveau bringen, auf dem unsere Partner uns zutrauen, so etwas Vermessenes wie ein «Jahr der Nachricht» auszurufen. Und deswegen ging es in diesen ersten drei Jahren darum, das zu gewinnen, was man vielleicht heute Street Credibility nennt. Das ist uns gelungen, würde ich sagen. In das «Jahr der Nachricht» ist #UseTheNews 2024 als Zwerg gestartet und während des Jahres zum Scheinriesen gewachsen – dank der Zusatzförderung, die wir erhalten haben. Wichtig war, danach nicht wieder auf Zwergenniveau zu schrumpfen. Wir haben viel gelernt und gesehen, wo wir wirksamer werden müssen. Daher würde ich gar nicht viel anders machen. Ein zentrales Learning mit dem Wissen von heute ist aber, dass wir von Beginn an stärker versucht hätten, auf das Radar der Bildungspolitiker und Stiftungen im Bereich Schule und Bildung zu kommen. Das mussten wir uns erst erarbeiten.

Könnte man dann im Umkehrschluss zusammenfassend sagen, Bildung ist der Weg, um junge Leute wieder für Medien zu begeistern?

Es ist die Kombination aus Bildung und Journalismus. #UseTheNews hat meiner Meinung nach eine ganz gute Balance gefunden. Wir haben uns genau an der Schnittstelle positioniert. Das sieht man zum Beispiel daran, dass wir verstanden haben, wie wichtig für das aktive Bespielen der Schnittstellen sogenannte Intermediäre sind, wie Medienpädagog:innen und Medienscouts, also Jugendliche, die besonders qualifiziert sind. Allein zu sagen, wir bringen Journalismus in die Schule und die Schüler:innen hören was über das Thema ändert erst mal gar nichts. Sondern wir müssen in diesem Dreieck zwischen Lehrkräften, Journalist:innen und Jugendlichen unter Beteiligung dieser Intermediäre überlegen, wie wir Jugendliche aktiv mit einbeziehen können.

Anlässlich des 75. Jahrestages des Inkrafttretens des deutschen Grundgesetzes und insbesondere des Artikels 5 zur Meinungs- und Pressefreiheit habt ihr 2024 das Projekt «Jahr der Nachricht» gestartet. Worum ging es konkret bei diesem Projekt?

Als wir die ersten Ideen im Jahr 2020 hatten für dieses Projekt, war unser Leitsatz vor allem unser Claim #UseTheNews, also Jugendlichen vermitteln: «Hey nutze Nachrichten, die sind wichtig für dein Leben.» Was wir da noch nicht ahnen konnten: Durch die Pandemie 2020, den Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine zwei Jahre später und die dramatische Entwicklung im Bereich KI ist Desinformation zu einem Flächenbrand geworden.

Dadurch hat das «Jahr der Nachricht» auch nochmal einen ganz anderen Spin bekommen, weil Anfang 2024 klar war, dass das Thema Desinformation zu einer echten Gefahr für die Demokratie und die Gesellschaft wird. Deswegen auch die Förderung durch das Bundesinnenministerium. Das deutsche Sicherheitsministerium hat uns aus Mitteln der Desinformationsbekämpfung gefördert und nicht aus Mitteln der Journalismus- oder Medienförderung. Es ging um die Frage, welchen Beitrag wir leisten können bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, um Resilienz gegen Desinformation aufzubauen. Das war der Auftrag.  

Jugendliche für das Thema Desinformation zu sensibilisieren und ihre Nachrichtenkompetenz zu fördern, war das Hauptziel. Welche Ansätze oder Projekte waren dabei besonders erfolgreich im vergangenen Jahr?

Aus meiner Sicht sind die Newscamps der grosse Überraschungserfolg des «Jahrs der Nachricht». Da haben wir gesehen, dass zwei Dinge absolute Erfolgsfaktoren sind: Das eine ist aktives Mitmachen, möglichst viele auch spielerische Ansätze bilden, in denen Jugendliche sich mit diesen Themen auseinandersetzen können. Und ein weiterer Aspekt war eben die physische Präsenz.

Beim grossen Experiment des Social News Desks haben wir geglaubt, es wird einfacher, mit all den anderen Playern, die sich auf Social Media bewegen, mitzuhalten. Es ist aber kein Selbstläufer, einen Nachrichtenkanal auf TikTok, Instagram, YouTube usw. aufzubauen. Wir wissen jetzt, was Erfolgsfaktoren sind, aber über Nacht mal eben einen reichweitenstarken Superkanal auf Social Media hinzustellen, das ist illusorisch.

Ich glaube das ist ein entscheidender Punkt: Wenn wir versuchen über Social Media Jugendliche zu erreichen, können wir nur bedingt mit den anderen Angeboten mithalten und die Aufmerksamkeit von Jugendlichen erregen. Wenn wir aber in den direkten Dialog gehen, dann können wir plötzlich unsere Stärken ausspielen. Das ist ein wichtiges Learning und das haben uns die Jugendlichen und mittlerweile auch Lehrer und Eltern zurückgespielt.

Wer hat alles mitgewirkt am «Jahr der Nachricht», neben #UseTheNews?

Neben der Finanzierung durch zum Beispiel das BMI (Bundesministerium des Innern und für Heimat) und die Partner war ein anderer wichtiger Teil, eine gute Struktur aufzubauen. Ganz oben angefangen, gibt es ein Kuratorium mit wichtigen Vertretern der Partner, also auch politisch ist es hochrangig besetzt. Dieses Kuratorium hat einen kleinen Leitungskreis. Das ist mal das Erste. Das zweite ist, dass 2022 #UseTheNews in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt wurde. Es gibt im Bereich der Nachrichtenkompetenzförderung eine Menge kleiner Projekte, Stiftungen und Vereine, die alle darunter leiden, dass ihnen eine professionelle Struktur fehlt. Wir, und das ist eben auch der Hintergrund, wenn man eine hundertprozentige Tochter der dpa ist, legen grossen Wert darauf, dass unsere Strukturen hochprofessionell sein müssen. Für jeden Euro, den man uns anvertraut, müssen wir einstehen, müssen Leistungen liefern, müssen auch Bericht darüber abgeben, was wir damit getan haben. Für das «Jahr der Nachricht» haben wir dann eine eigene Projektstruktur aufgebaut. Die bestand aus zwei Units: Der Social News Desk, ein Team aus zehn jungen Leuten, die täglich redaktionell gearbeitet haben und der» Mission Control», die die Gesamtkoordination, Partnerkontakte und das Management der Kampagne übernommen hat.

Was ist dein persönliches Fazit aus dem «Jahr der Nachricht»?

Im Rennen, um den Flächenbrand Desinformation zu löschen und Jugendlichen die Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie im digitalen Informationsraum zurechtkommen, sind wir immer leicht im Rückstand. Und wenn Mark Zuckerberg jetzt ankündigt, bei Meta auf Faktenchecks zu verzichten, wird das den digitalen Raum noch weiter vergiften. Trotzdem ist das Rennen nicht verloren. Einer der wichtigsten Meilensteine im «Jahr der Nachricht» war, dass wir im Oktober die Gelegenheit hatten, auf der ersten Bildungsministerkonferenz der Länder in Deutschland zu sprechen. Das ist die Runde, die hier bei uns alles entscheidet, rund um die Schulen. Die Ehre zu haben, dort über unsere Anliegen zu sprechen und wirklich grosse Unterstützung zu finden, war für mich eines der wichtigsten Signale. Viele Beteiligte haben in diesem «Jahr der Nachricht» verstanden, dass die Wahlergebnisse, wo Jungwähler:innen zu einem Drittel in Richtung Rechtsextremismus abgewandert sind, direkt im Zusammenhang stehen mit dem Verlust von Informationskompetenz und Desinformation.

Das «Jahr der Nachricht» ist vorbei, was bleibt, ist das Whitepaper «Fit für die Demokratie». Eine Version richtet sich dabei an Journalist:innen, die andere an Lehrkräfte. Welche zentralen Inhalte vermittelt das Whitepaper?

Das Whitepaper soll unsere Erkenntnisse und Empfehlungen aus dem «Jahr der Nachricht» festhalten und zusammenfassen. Gleichzeitig dient es als Arbeitsprogramm für die nächste Stufe von #UseTheNews. Uns war immer klar, dass Dümmste wäre, wir beenden «das Jahr der Nachricht» und sagen: «Das wars jetzt.» Es soll weitergehen und wir haben schon im Frühjahr letzten Jahres eine Struktur gebaut, um zu sehen, wie wir parallel zum laufenden «Jahr der Nachricht» schon die Weichen stellen für das nächste Jahr. Also Finanzierung, Partner und Schwerpunkte finden und festlegen.

Und wie geht es jetzt weiter mit #UseTheNews in Deutschland?

Aufmerksamkeit schaffen, das haben wir jetzt erreicht. Jetzt müssen wir wirksam werden. Mit der Kulturministerkonferenz und unseren wichtigsten Partnern, beispielsweise dem Deutschen Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung, haben wir erste Ideen und Meilensteine entwickelt für den Zeitraum 2025 bis 2030. Für das Jahr 2030 haben wir uns das Ziel gesetzt, dass jedes Kind in Deutschland, egal in welcher Region, egal in welcher Schule und Schulform, verbindlich Zugang zu einem Unterrichtsangebot zur Vermittlung von Nachrichten- und Informationskompetenz hat. Wir sagen nicht, was in Deutschland immer eine politische Diskussion ist, dass Medienpädagogik zum Schulfach werden muss. Davon halte ich nichts. In Deutschland funktioniert die Bildungspolitik so, dass man sich auf gemeinsame Ziele verständigen kann, aber jedes Bundesland muss die Möglichkeit haben, seinen eigenen Weg zu finden.

Wie soll das Ziel bis 2030 erreicht werden?

Um das zu erreichen, wollen wir 2025 in einem Drittel der 16 Bundesländer eine Handvoll Pilotprojekte machen, die vom jeweiligen Bildungsministerium begleitet werden. Dadurch sollen hoffentlich Leuchttürme geschaffen werden, die von allen anderen Bundesländern wahrgenommen werden, sodass wir dann Best Practices entwickeln können, die auch bundesweit Standards definieren zum Nachahmen und Nachmachen.

Ein anderes Ziel betrifft den Journalismus, da wir uns immer zwischen den Polen Bildung und Journalismus bewegen. Der Journalismus muss sich grundlegend ändern. Grundlegend! Unsere These ist, Informationsmedien aus dem Printbereich können nur überleben, wenn sie sich neu erfinden, und zwar im Bündnis mit den Jungen. Das bedeutet zum Beispiel für einen neuen Journalismus: Ende des Sender-Empfänger-Prinzips. Das lehren uns die jungen Zielgruppen auf Social Media, es wird immer mehr zu einem interaktiven Pingpong auf Augenhöhe. Aktive Teile der Community wollen mitreden, wollen mitmachen, wollen eingebunden werden, dafür müssen wir Angebote machen.

Dafür, ganz konkret, richten wir jetzt in Hamburg das Competence Center Young Audiences ein, das CCYA, das ist neben dem, was ich gerade für den Bildungsbereich gesagt habe, unser zweites konkretes Learning aus dem Jahr der Nachricht, wir brauchen diesen Laborort, an dem wir Jugendliche, Journalist:innen und Produktentwickler:innen zusammenbringen und miteinander arbeiten lassen, um den neuen Journalismus zu entwickeln.

Zwischen Fakten und Fakes: TikTok als Werkzeug für den Unterricht
TikTok polarisiert – wie hier an einer Demonstration der Opposition in Tirana im März 2025 gegen die Regierung, die den Betrieb der Plattform in Albanien verbieten will. (AP Photo/Vlasov Sulaj)

In der Schweiz nutzen rund 2,2 Millionen Menschen TikTok, laut einer Erhebung von TikTok selbst. Ungefähr die Hälfte der Nutzer ist in der Alterskategorie von 15 bis 24 Jahren. Neben vielen seriösen und geprüften Inhalten auf TikTok, etwa von Zeitungen und Medienhäusern, kursieren auch Videos, die bewusst Desinformationen verbreiten. Umso wichtiger ist es, Schüler und Schülerinnen dafür zu sensibilisieren.

Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung, Jugendliche beim Erlernen einer kritischen Medienkompetenz zu begleiten. TikTok kann dabei als Werkzeug genutzt werden – sowohl, um Diskussionen anzustossen, als auch, um Themen lebendig in den Unterricht einzubinden.

TikTok im Unterricht

Die Plattform bietet viele Möglichkeiten, in aktuelle Themen einzusteigen und diese kritisch zu betrachten. Hier einige Beispiele:

  • Video als Diskussionseinstieg: Ein kurzes Faktencheck-Video kann den Unterricht einleiten. Danach können die Schüler und Schülerinnen zum Beispiel darüber diskutieren, ob sie selbst schon einmal Fehlinformationen vertraut haben, ohne es zu merken.
  • Reflexion über den eigenen Konsum: Soll TikTok als App thematisiert werden, können die Schüler und Schülerinnen zum Beispiel Fragen beantworten zu ihrem eigenen Konsum. Wie viel Zeit verbringt jeder von ihnen täglich auf der App? Welche Influencer sind besonders beliebt? Welche Rolle spielen diese Vorbilder bei der Meinungsbildung?

Zum Thema Influencer hat UseTheNews Deutschland zusammen mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg eine Unterrichtseinheit entwickelt, die kostenfrei genutzt werden kann. Darin befinden sich Arbeitsblätter und ein Unterrichtsentwurf, wie ein solches Thema im Unterricht behandelt werden kann.

News auf TikTok

Wir haben im Folgenden einige Kanäle zusammengestellt, die News oder gesellschaftliche Themen auf eine leicht verständliche und unterhaltsame Weise aufbereiten. Einige davon richten sich spezifisch an eine junge Zielgruppe.

@babanews

Baba News ist ein unabhängiges Online-Magazin. Ihr Ziel ist es, Menschen mit Migrationsgeschichte eine Plattform zu bieten. Auf ihrem TikTok-Kanal postet die Redaktion meistens Videos zu Gesellschaftsthemen wie Migration, Rassismus und Politik. Die Videos sind leicht verständlich, unterhaltsam aufbereitet und richten sich spezifisch an eine junge Zielgruppe.

@srfnews

So heisst der TikTok-Kanal der SRG. Darauf werden vor allem tagesaktuelle News gepostet. In den Videos werden auch oft direkte Quellen und gesprochene Zitate gezeigt, zum Beispiel von Interviews oder Pressemitteilungen. Teilweise sieht man in den Videos nur Bilder und Text, der die Geschehnisse genauer erklärt. Im Feed finden sich allerdings auch einige Erklärvideos, wie zum Beispiel zum Ende der Credit Suisse.

@izzyprojects

izzy ist ein reines Social-Media-Format. Das „izzy project“ gehört zum Medienhaus Ringier. Durch das Vermischen von Comedy und Satire mit News-Themen ist das Format beim jungen Publikum sehr beliebt. Der Kanal klärt zum Beispiel über Internetbetrugsmaschen auf, aber auch über Themen wie Abtreibung, gängige Verschwörungstheorien und vieles mehr.

@20minuten

20 Minuten gehört als Medientitel zur TX Group. Neben der bekannten Gratiszeitung ist die Redaktion auch sehr aktiv auf TikTok. Auf dem Kanal gibt es eine Mischung aus ernsteren Kurznachrichtenvideos und unterhaltungsorientierten Inhalten, die auf eine junge Zielgruppe abgestimmt sind. Die Videos sind meist von Hosts aus der Redaktion moderiert oder mit einem Voiceover versehen.

@sodabyblick

Der Newskanal vom Blick konzentriert sich auf Nachrichten für junge Menschen. Die zwei Hosts des Kanals erklären Tagesaktualitäten leicht verständlich. Neben dem News-Content findet man auch praktische Tipps für das alltägliche Leben, zum Beispiel wie die Steuererklärung ausgefüllt werden muss, oder was man an Weihnachten verschenken kann.

@nzz

„Das Weltgeschehen auf deiner #fyp“, so beschreibt die Neue Zürcher Zeitung ihren TikTok-Kanal. Der Content orientiert sich an tagesaktuellen Nachrichten. Oft werden Geschehnisse von einem Journalisten oder einer Journalistin erklärt und mit Bildmaterial angereichert. Man findet auch Videos von Korrespondenten, die direkt aus einem Gebiet berichten und mit Betroffenen sprechen, wie zum Beispiel aus Syrien.

@afpfr

AFP ist eine internationale Nachrichtenagentur, die in sechs verschiedenen Sprachen über das Weltgeschehen berichtet. Auf dem französischsprachigen Kanal findet man News über die ganze Welt, vorwiegend erklärt von Journalisten oder Experten. Einige der Videos sind auch auf Englisch mit französischem Untertitel versehen.

@RTSInfos

RTS als Teil der SRG bietet auf seinem Kanal Nachrichten und Hintergründe in französischer Sprache. Neben internationalen Themen findet man auf RTS auch regionale Berichterstattung und Informationen über Ereignisse aus der Westschweiz. Im Vergleich zum deutschsprachigen Kanal werden die Videos bei RTS in der Regel moderiert und es wird mit weniger Textelementen gearbeitet.

Faktencheck-Kanäle auf TikTok:

Neben TikTok-Kanälen, die vor allem Informationen vermitteln, gibt es auch einige Profile, die sich auf Faktenchecks spezialisiert haben. Die Redaktionen dahinter prüfen Behauptungen aus dem Netz auf ihre Richtigkeit. Entsprechende Faktencheck-Videos können Jugendlichen helfen, Fakten zu prüfen und sie dazu anregen, Informationen im Netz zu hinterfragen:

@correctiv_faktencheck

@dpa_factchecking

@mimikama

@faktenfuchs (BR24)

@ARD-Faktenfinder

Solche Kanäle sind besonders geeignet, um im Unterricht verschiedene Faktencheck-Methoden zu thematisieren und so den Jugendlichen verschiedene Tools mitgeben zu können.

Anmerkung: Die Einbindung der App TikTok ist erst in höheren Klassenstufen möglich, da die Plattform eine offizielle Altersbegrenzung von 13 Jahren hat.

Wie Jugendliche lernen, mit sozialen Medien kritisch umzugehen
(Ave Calvar/Unsplash)

Kritisches Denken als Kern einer zeitgemässen Medienkompetenz heisst, selbst zu denken, Annahmen kritisch zu prüfen, (Vor-)Urteile zu reflektieren und sich der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen zu stellen.

Ein eng getakteter Lehrmittelunterricht, in dem Lernende vorgekaute Wissenshäppchen zu verdauen haben, ist allerdings kein geeigneter Ort, in dem sich kritisches Denken entfalten kann. Kritisches Denken braucht Motivation, Anregung und einen Gegenstand, worauf es sich beziehen kann.

Hier setzt das Projekt unseres Partners CheckNews an: Es bietet offene Lernumgebungen, in denen Schüler:innen selbstständig navigieren und kollaborativ arbeiten können, mit dem Ziel, sich kritisch mit Inhalten auf Sozialen Medien zu beschäftigen und sich aus unterschiedlichen Quellen Informationen zu holen.

Mehr dazu im Artikel des Fachmagazins „Pädagogik“.

JAMES-Studie 2024: KI-Tools erobern den Alltag von Jugendlichen in der Schweiz
Wie hier Roboter in einem Fertigungswerk von Suzuki in Esztergom (Ungarn) ersetzen auch im Informationsmarkt KI-Tools zunehmend den Menschen. (EPA/Zsolt Szigetvary)

KI-Tools erobern den Alltag der Jugendlichen im Rekordtempo. Rund 71 Prozent haben bereits Erfahrungen mit ChatGPT und Co. gemacht. Ein Drittel aller Jugendlichen nutzen KI-Tools bereits mindestens wöchentlich, obwohl diese Technologie erst Ende 2022 in den Fokus der breiten Masse trat. Dies zeigt die aktuelle JAMES-Studie, für die alle zwei Jahre rund 1000 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren befragt werden.

«Noch nie zuvor hat sich ein Medium so schnell in den Alltag integriert, wie KI-Tools dies getan haben. Damit erhält das kritische Hinterfragen von Information in Zukunft einen noch höheren Stellenwert», sagt ZHAW-Forscher und Co-Studienleiter Gregor Waller. Jugendliche müssten unbedingt für die Thematik sensibilisiert und angeleitet werden, wie man Informationen auf ihre Richtigkeit prüft. 

Big Four festigen sich 

Instagram, TikTok, WhatsApp und Snapchat bleiben die beliebtesten sozialen Netzwerke und Messenger bei Jugendlichen in der Schweiz. Diese Big Four der digitalen Kommunikation sind für sie fester Bestandteil des Alltags – unabhängig von Alter, Geschlecht und soziodemografischen Hintergrund. Dabei konsumieren Jugendliche Inhalte auf sozialen Netzwerken überwiegend, ohne diese zu kommentieren, zu teilen oder selbst regelmässig Beiträge hochzuladen. Gemeinsam mit anderen sozialen Netzwerken, Messengern und Videoportalen werden die Big Four sowohl regelmässig zur Beschaffung von Informationen als auch zu Unterhaltungszwecken genutzt, wobei letztere überwiegen. 

Sättigungstendenzen bei der Mediennutzung 

Bei der Mediennutzung der Jugendlichen ist eine Sättigungstendenz erkennbar. Viele der medialen Aktivitäten wie Musik hören, soziale Netzwerke nutzen oder Videos im Internet schauen sind heute so tief im Alltag integriert, dass eine weitere Steigerung in der Nutzung kaum mehr möglich erscheint. Angesichts von Schule, Lehre, nonmedialen Freizeitaktivitäten oder sozialen Aktivitäten scheint eine Art natürliches Maximum erreicht zu sein. «Die stabilen Ergebnisse könnten darauf hinweisen, dass sich die digitalen Routinen und Gewohnheiten der Jugendlichen im Alltag gefestigt haben.», sagt Céline Külling-Knecht, ZHAW-Forscherin und Mitautorin. 

Ein Rückgang erfolgte bei der Nutzung von klassischen Medien. Während 2018 noch ein Viertel der befragten Jugendlichen Zeitschriften- und Zeitungsportale regelmässig zu Informationszwecken nutzten, sind es heute nur noch 10 Prozent. Gleichzeitig nutzen mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen soziale Netzwerke als Informationsquelle (57 Prozent). Auch wenn traditionelle Nachrichtenanbieter in sozialen Netzwerken ebenfalls vertreten sind, so kann grundsätzlich jede Person auf diesen Plattformen Informationen ungefiltert verbreiten. Das erhöht das Risiko von Fake-News und konfrontiert Jugendliche potenziell vermehrt mit Manipulation und Fehlinformation. 

Spielspass mit Tücken – versteckte Risiken in Games 

Acht von zehn Jugendlichen gamen zumindest ab und zu. Bei den Jungs, die rund doppelt so häufig regelmässig gamen wie Mädchen, ist das Gamen die mit Abstand beliebteste Freizeitaktivität. Besonders beliebt sind dabei Free-to-play-Games, wie das Mobile Game «Brawl Stars», danach folgen «Fortnite» und «Minecraft». Hinter der Faszination für diese Games verbergen sich zum Teil sogenannte «Dark Patterns», manipulative Designstrategien, die das Verhalten der Spielenden beeinflussen sollen. Dazu zählen zum Beispiel Lootboxen (zufällige Belohnungen, die zum Weiterspielen und -kaufen animieren) oder komplexe In-Game-Währungen (die den Überblick über tatsächliche Kosten erschweren).

Auch zeitlich limitierte Belohnungen und ein daraus resultierendes Gefühl, etwas zu verpassen («Fear of Missing Out» FOMO), soziale Verpflichtungen innerhalb des Spiels (beides erhöht den Druck, regelmässig zu spielen) und Verlustaversion (Mechanismen, bei denen Spielende bereits Erreichtes verlieren können) gehören zu den «Dark Patterns» von Videogames. 

Monetarisiert werden diese Games durch Mikrotransaktionen (Bezahlmodell, bei dem Nutzende im Spiel virtuelle Güter erwerben können). Rund die Hälfte aller befragten Jugendlichen hat eine solche bereits einmal getätigt. «Vor dem Hintergrund dieser Mechanismen sind vor allem Eltern in der Pflicht, sich mit unterschiedlichen Games auseinanderzusetzen und sich offen gegenüber dem Gamingverhalten ihrer Kinder zu zeigen», so Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Zudem sollten auch Behörden ein Auge auf die Entwicklungen rund um «Dark Patterns» haben und gegebenenfalls regulierend einschreiten, so wie das in einigen Ländern wie den Niederlanden oder Grossbritannien bereits geschehen ist. 

Prävention gegen problematische Mediennutzung 

36 Prozent der befragten Jugendlichen geben an, dass sie in den letzten zwei Jahren mindestens einmal nach dem Aussehen ihres Körpers gefragt wurden, während rund ein Drittel erlebt hat, dass Fremde im digitalen Raum mit ihnen über Sex reden wollten oder sie mit unerwünschten sexuellen Absichten angesprochen haben.

Die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen sind gross: Mädchen haben verschiedene Formen sexueller Belästigung viel öfter erlebt. Knapp jede zweite Jugendliche hat bereits in der einen oder anderen Form Erfahrung mit sexuell motivierter Kontaktaufnahme im Internet gemacht. Mit dem Alter nimmt die Häufigkeit solcher Erlebnisse zudem deutlich zu. «Es ist unhaltbar, dass Kinder derart belästigt werden, Plattformen wie Instagram oder TikTok müssen hier mehr in die Verantwortung genommen werden, damit die Jugendlichen besser geschützt sind», macht Michael In Albon seine Haltung in dieser Frage klar. 

Auch bei Cybermobbing spielt das Geschlecht eine Rolle: Mit 28 Prozent berichten fast doppelt so viele Jungs wie Mädchen davon, dass sie im Internet bereits mindestens einmal beschimpft oder beleidigt wurden. Gleichzeitig sind ebenfalls weit mehr die Jungs auch selbst in der aktiven, mobbenden Rolle. Dabei gibt es kaum Unterschiede in den Häufigkeiten zwischen aktiv ausgeübtem Cybermobbing oder von Cybermobbing betroffen zu sein.

Eine Möglichkeit ist, dass viele Jugendliche sowohl aktiv mobben als auch gemobbt werden. «Da es mit dem Alter kaum eine Zunahme von Cybermobbing gibt, macht es Sinn, mit der Prävention zu diesem Thema bereits auf der Primarstufe anzufangen», sagt Céline Külling-Knecht, ZHAW-Forscherin und Mitautorin. 

Sport bleibt wichtigste Freizeitaktivität 

Wenn Jugendliche ihre Freizeit allein verbringen, stehen sportliche Aktivitäten, audiovisuelle Medien und Musik ganz oben. Besonders Sport hat im Vergleich zur JAMES-Studie 2022 an Wichtigkeit gewonnen und wird neu als beliebteste Freizeitaktivität genannt. 

Während bei Jungs das Gamen und sportliche Aktivitäten klar dominieren, stehen bei den Mädchen andere kulturelle (Lesen und Musik) und kreative (Backen, Zeichnen) Tätigkeiten im Zentrum. Als bedeutsamste Freizeitaktivitäten gemeinsam mit Freundinnen und Freunden nennen die Jugendlichen ähnlich wie im Jahr 2022 sportliche Aktivitäten, die Zeit draussen in der Natur und gemeinsame Unternehmungen. Auch Gespräche mit Freundinnen und Freunden zu führen, ist für die Jugendlichen sehr wichtig. 

Harry Potter unangefochtene Nummer 1

Jugendliche lesen gern, dies gehört seit vielen Jahren zu einer Konstante in der Mediennutzung. Zusätzlich finden sich auch immer mehr bücherbezogene Inhalte auf verschiedenen Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube. Die Inhalte sind so verbreitet, dass sich eigene Namen wie «BookTok», «Bookstagram» oder «BookTube» für diese Subkulturen etabliert haben.

Zum ersten Mal seit 2016 wurden daher 2024 die Lieblingsbücher der Jugendlichen wieder erhoben. Auf dem ersten Platz landet die Harry Potter Reihe, die seit 2012 die Rangliste anführt. Ebenfalls beliebt sind 2024 Gregs Tagebuch, die Drei ??? und One Piece. Seit 2012 handelt es sich bei den beliebtesten Büchern stets um solche, die auch verfilmt wurden. Auffällig ist, dass sich das Leseverhalten besonders zwischen den Geschlechtern unterscheidet. Mädchen lesen grundsätzlich mehr als Jungs und bezeichnen es auch eher als eine ihrer Lieblingsfreizeitaktivitäten. 

Nachrichtenkompetenz fördern – Demokratie stärken


Hast Du gewusst, dass gut 80% der Jugendlichen sich nicht mehr über traditionelle Medien informieren? Und Nachrichten verglichen zum Gesamtkonsum von Medien marginal genutzt werden? Oder dass fast 46% in der Schweiz bereits zu den sog. News-Deprivierten zählen, also unterdurchschnittlich Nachrichten konsumieren?

Fehlende Nachrichtenkompetenz aber öffnet Fake News, Desinformation und Manipulation Tür und Tor – im Zeitalter von KI mehr denn je.

Die Initiative
Dem wollen wir entgegenwirken – wir, das sind Keystone-SDA, SRG SSR und der Verlegerverband Schweizer Medien (VSM). Gemeinsam haben wir UseTheNews initiiert, als eine Allianz für Nachrichtenkompetenz in der Schweiz.

Unsere Vision: UseTheNews ist für die ganze Schweiz der Treffpunkt für alle, die Praxiserfahrung, Workshops, Lehrmittel,  Weiterbildungsangebote oder Expertisen zu Nachrichtenkompetenz suchen, anbieten oder austauschen wollen. Partnerschaftlich, gleichberechtigt, breit abgestützt.

Es ist ein Beitrag zur selbstbestimmten und mündigen Nutzung von Nachrichten und zur Stärkung der Demokratie.

Die Zielsetzung

Wir wollen mit UseTheNews

  • Partnern ein Schaufenster für Programme und Bildungsangebote bieten, die es bereits gibt oder künftig entwickelt werden, um so deren Sichtbarkeit zu erhöhen;
  • Lehrpersonen, Jugendliche und deren Eltern oder Erziehungsberechtigte informieren;
  • Fachkundige aus Bildung, Wissenschaft, Politik und Medien vernetzen;
  • dazu regelmässig den Austausch unter allen Partnern zu best-practices, Ideen und Synergien organisieren;
  • die breite Bevölkerung für das Thema Nachrichtenkompetenz sensibilisieren;
  • eine Stimme sein bei der Sensibilisierung für Nachrichtenkompetenz in der kantonalen und nationalen Politik;
  • und Projekte im Bereich Nachrichtenkompetenz anstossen, mittragen, umsetzen.

Engagiere Dich!
UseTheNews ist wie ein Haus: Der Rohbau ist errichtet, auf dem Fundament in Form des Vereins, seiner Geschäftsstelle sowie dieser Webseite. Nun gilt es, die einzelnen Wohnungen und Zimmer zu beziehen. Durch Dich, Euch – all jene, die ebenfalls dazu beitragen wollen, die Nachrichtenkompetenz in der Schweiz zu stärken. Damit unter einem gemeinsamen Dach vereint wird, was es schon gibt – oder was erst noch entsteht.

Du kannst Angebote einstellen via das Angebotsformular, den Newsletter abonnieren oder uns via LinkedIn, Instagram oder TikTok folgen. Und jederzeit mit uns den Kontakt suchen, wir freuen uns.

Im Interview mit dem Magazin „Persönlich“ erläutern die für das Projekt verantwortlichen Personen gleich selbst, was die drei Medienorganisationen dazu bewog, UseTheNews ins Leben zu rufen.

PS:
Wir duzen uns, weil einfacher und persönlicher, wobei es ein Dürfen, nicht Müssen ist. Und wir verwenden, wo immer sinnvoll, eine geschlechtergerechte Sprache.

Warum die Präferenz für TikTok nicht das Ende der Demokratie ist
Auch ohne TikTok können demokratische Prozesse gestört werden. In Chainpur / Indien wird eine aus Spass in einen Brunnen geworfene Wahlurne geborgen, die unbekannte Täter zuvor gestohlen hatten. (AP Photo/Vikram Kumar)

Fake News bedrohen unsere Demokratie, böswillige Akteure versuchen, mit gezielter Desinformation auf Social Media Menschen zu verunsichern und Gesellschaften zu spalten. Politiker:innen, Lehrpersonen, Wissenschaftler:innen, Eltern und Medienschaffende sind sich einig, dass insbesondere junge Menschen vor diesen gefährlichen Einflüssen geschützt werden sollten, indem man beispielsweise in der Schule darüber spricht und ganz allgemein die Medien- und Nachrichtenkompetenz der neuen Generation stärkt.

Diese Überzeugungen führen dazu, dass heute jede Schülerin und jeder Schüler genau weiss, weshalb Fake News schlecht sind, weshalb man sich nicht via TikTok über die Welt informieren sollte und Zeitungen die verlässlichste Quelle sind, um den politischen Diskurs zu verstehen.

Jugendliche sind nicht das Problem

Gleichzeitig stellen besorgte Forscher:innen an der Uni Zürich fest: «Immer mehr Jugendliche koppeln sich von den traditionellen Nachrichten- und Informationsmedien ab. TikTok, Instagram, Snapchat oder Pinterest werden in immer stärkerem Umfang genutzt und bestimmen den Medienkonsum junger Erwachsener. Eine Konsequenz davon ist, dass Informationen zu Themen aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft oder Kultur vermehrt in den Hintergrund treten, während unterhaltende News an Bedeutung gewinnen.»

Weshalb verstehen diese Jugendlichen nicht, dass sie ihre Mediennutzungsgewohnheiten dringend umstellen müssten? Nun, sie begegnen in ihrer alltäglichen Mediennutzung kaum strategischen Fake News, und der politische Diskurs interessiert sie so wenig wie eine gedruckte Zeitung. Genauso wie das bei mir war, als ich vor gut dreissig Jahren in die Schule ging und die Zeitung nur las, um zu erfahren, wie meine Lieblingsfussballmannschaft gespielt hatte. Wir besorgten Erwachsenen laufen Gefahr, mit Vorstellungen von Mediennutzung und gesellschaftlicher Relevanz die Lebenswelt und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen zu ignorieren. 

Nachrichtenkompetenz ist mehr als nur können

Nachrichtenkompetenz bedeutet, Nachrichten gemäss den eigenen Bedürfnissen und zur Stärkung des eigenen Wohlbefindens nutzen zu können. Die Nachrichtenkompetenz zu stärken bedeutet deshalb einerseits, jungen Menschen Wissen über die Medien und die Qualität von Information zu vermitteln. So wie das Schulen intensiv und vielfältig tun.

Das ist allerdings nur die halbe Miete. Eine mindestens so grosse Herausforderung besteht darin, die Bedürfnisse und Erwartungen von jungen Menschen an Information und Medien zu verstehen; zu realisieren, dass ein Youtube-Video eines Gamers für sie relevanter ist als eine Analyse des Abstimmungssonntags.

Medien: mehr als Informationsvermittlung

Ja, aber wird an dieser Haltung nicht die Demokratie zugrunde gehen? Nein, wird sie nicht, genauso wenig, wie sie das tat, als ich mehr Lieder von Bob Marley als Bundesräte kannte, oder als meine Schulkolleginnen nach dem Mauerfall vor allem über die hässlichen Jeans der Gastschüler aus der ex-DDR staunten. Erst später realisierten wir, dass diese abstrakten politischen Entwicklungen für uns durchaus relevant und sogar spannend  sein können.

Nachrichtenkompetenz vermitteln bedeutet deshalb auch, Jugendlichen den Zusammenhang zwischen abstrakten gesellschaftlichen Themen und ihrem eigenen Leben aufzuzeigen, ihr Interesse dafür zu wecken und sie für grössere Zusammenhänge zu begeistern. Zudem sollten wir nicht vergessen, dass auch die Mediennutzung von uns Erwachsenen nicht nur der politischen Meinungsbildung und der Stärkung der Demokratie dient.

Unsere Games heissen einfach Samschtig-Jass, und unsere Influencer geben uns keine Make-up-Tipps, sondern bewerten Gourmet-Restaurants und Pauschalreisen.

Von Bots und anderen Despoten
Sie zwei lieben Bots: Russlands Präsident Putin und sein weissrussischer Amtskollege Lukaschenko während eines Skitags 2019 in Krasnaja Poljana in der Nähe von Sochi. (Sergei Chirikov/Pool Photo via AP)

Die Vorlesung „Von Bots und anderen Despoten: Wie Journalismus im Zeitalter von Fake News und Künstlicher Intelligenz relevant bleibt“ ist ein eindringlicher Weckruf für die Zukunft des Journalismus. Gehalten wurde sie von unserem Geschäftsführer Markus Spillmann vor Studierenden des Journalismus Mitte November in Belgrad auf Einladung des Medienprogramms Südosteuropa der Konrad-Adenauer Stiftung.

Konzentration auf journalistische Kernkompetenzen

Der Vortrag beleuchtet die wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Branche, ohne dabei die hausgemachten Probleme des Journalismus zu verschweigen. Angesichts der disruptiven Wirkung von KI und der diversen Herausforderungen appelliert der Referent, sich wieder vermehrt auf die journalistische Kernkompetenzen – fundierte Recherche, Analyse und Unabhängigkeit – zu besinnen.

Trotz der düsteren Lage vermittelt der Referent durchaus Hoffnung: Er erachtet den Niedergang traditioneller Medienunternehmen auch als eine Chance für einen erneuerten, glaubwürdigen und relevanten Journalismus. Kritisch bleibt jedoch die Frage, ob die Handlungsempfehlungen angesichts der wirtschaftlichen Zwänge tatsächlich umsetzbar sind.

Ein Podcast gänzlich durch KI-generiert

Wir haben die Vorlesung mit dem KI-Programm NotebookLM zu einem Podcast umwandeln lassen, auch, um Euch aufzuzeigen, wie täuschend echt dieses KI-Tool eine animierte, Menschen-ähnliche Besprechung auf einer schriftlichen Vorlage umsetzen kann. Der Inhalt des in englischer Sprache produzierten Podcast wurde durch uns überprüft, er entspricht der deutschen Textvorlage.

Wenig Diversität, viel Anfeindung: Journalisten in der Schweiz
Ob es damals besser war? News-Ticker bei Keystone in Zürich im Jahr 1988. (KEYSTONE/Str)

Das Forschungsteam «Journalistik» um Prof. Dr. Vinzenz Wyss hat im Jahr 2023 am Institut für angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW eine Befragung von Journalist:innen in der Schweiz durchgeführt. Die repräsentative Studie erfolgte im Rahmen der international vergleichenden Befragung «Worlds of Journalism».

Mangelnde Diversität in den Redaktionen

Sowohl in der wissenschaftlichen Forschung als auch in der journalistischen Praxis werden immer stärker Forderungen nach mehr Diversität beim Personal in den Redaktionen laut. Die Befunde der Studie verdeutlichen diesbezüglich jedoch einen erheblichen Nachholbedarf. Dies betrifft nicht nur die Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen, das hohe Alter, die voranschreitende Akademisierung oder die ethnische Herkunft, sondern zeigt sich auch in der Verteilung der politischen Einstellung der Journalist:innen: 76 Prozent der Befragten positionieren sich links der Mitte – und zwar unabhängig davon, ob sie bei privaten oder öffentlichen Medien arbeiten.

Viele erleben Diskreditierung

Die Studie liefert ausserdem Befunde zu den Arbeitsbedingungen der Journalist:innen, zum beruflichen Rollenselbstverständnis und zu wahrgenommenen Einflüssen auf die journalistische Arbeit. Schliesslich wurde erstmals erhoben, wie Journalist:innen Belastungen und Bedrohungen wahrnehmen und welche Sorgen sie plagen.

Nebst einem stressigen Arbeitsalltag sind Journalist:innen mit verschiedenen Bedrohungen konfrontiert. Was berufsbedingte Risiken anbelangt, erleben 73 Prozent der Journalist:innen auf sie zielende erniedrigende oder hasserfüllte Äusserungen und 67 Prozent nehmen öffentliche Diskreditierungen ihrer Arbeit wahr. Ebenfalls verbreitet scheinen andere Drohungen oder Einschüchterungsversuche (37 %) zu sein. Institutionelle Bedrohungen erleben rund ein Fünftel in Form von behördlicher Überwachung (19 %) oder rechtlichen Massnahmen, die aufgrund ihrer Arbeit gegen sie ergriffen werden (18 %).

Finnlands Schüler lernen mit der Fabel des Fuchses, wie Fake News funktionieren
Der Fuchs ist schlau – mindestens in der Fabel. Ihn sollen Finnlands Schüler zum Vorbild nehmen, wenn sie Medien nutzen. (Lino Mirgeler/dpa via AP)

Der in Grossbritannien erscheinende „Guardian“ hat das Thema bereits vor vier Jahren recherchiert. Es hat angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine aber wieder oder immer noch grosse Aktualität.

Fixer Bestandteil des nationalen Lehrplans

Im Artikel wird der Schuldirektor, Kari Kivinen, zitiert, der dafür plädiert, schon im Kindesalter mit der Sensibilisierung für Fake News und Desinformation zu beginnen. Er empfiehlt: „Märchen funktionieren gut. Nehmen Sie den schlauen Fuchs, der die anderen Tiere immer mit seinen schlauen Worten überlistet. Das ist doch keine schlechte Metapher für eine bestimmte Art von Politikern, oder?“

Während viele Demokratien sich durch Falschinformationen bedroht fühlen, nimmt Finnland das Problem so ernst, dass es bereits in der Grundschule damit beginnt, es anzugehen.

In den Oberstufen sind Medienkompetenz und kritisches Denken zu einem zentralen, fächerübergreifenden Bestandteil des 2016 eingeführten nationalen Lehrplans geworden.

Fächerübergreifende Sensibilisierung

Im Mathematikunterricht lernen zum Beispiel Kivinens Schülerinnen und Schüler, wie einfach es ist, mit Statistiken zu lügen. In der Kunst sehen sie, wie die Bedeutung eines Bildes manipuliert werden kann. Im Geschichtsunterricht analysieren sie bemerkenswerte Propagandakampagnen, während finnische Sprachlehrer mit ihnen die vielen Möglichkeiten erarbeiten, wie Worte verwendet werden können, um zu verwirren, zu täuschen und zu betrügen.

„Das Ziel sind aktive, verantwortungsbewusste Bürger;innen und Wähler“, sagt Kivinen im „Guardian“. „Kritisches Denken, das Überprüfen von Fakten, das Interpretieren und Bewerten aller Informationen, die man erhält, wo auch immer sie erscheinen, ist entscheidend. Wir haben dies zu einem Kernbestandteil unseres Unterrichts gemacht, und zwar in allen Fächern.

Was Content Creators auf Social Media bei den Follower:innen bewirken
„Content-Creation“ zum Verzehr: Der zum Weltkonditor 2021 ausgezeichnete Patisseur David Schmid bei der Zubereitung von Erdbeer-Pistazien-Tartes in seiner Backstube in Zofingen.(KEYSTONE/Christian Beutler)

Junge Menschen folgen Influencer:innen, weil sie sich davon einen konkreten Nutzen für ihr Leben versprechen. Auf Tik Tok, Instagram und anderen Plattformen sorgen die sogenannten Social Media Content Creators für Inspiration, Vorbildfunktion und Infos zum Mitreden – und tragen so wesentlich zur Meinungsbildung und zur Einordnung von Nachrichten bei. Die traditionellen Informationsmedien, die zumindest bei einem Teil der Jugend an Relevanz eingebüsst haben, können im Social Web auch bei den Heranwachsenden punkten, sofern sie die Chance nutzen, sich dort als unabhängige und vertrauenswürdige Akteure zu platzieren. 

Zu diesen Ergebnissen gelangt die Studie „Social Media Content Creators aus Sicht ihrer jungen Follower. Eine qualitative Studie im Rahmen des Projekts #UseTheNews“ des Leibniz-Instituts für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Für die unabhängige Studie wurden Tiefeninterviews mit 14- bis 17-jährigen Jugendlichen und 18- bis 24-jährigen jungen Erwachsenen geführt.

Um die Aktivitäten von Inhalte-Anbietern auf Social Media besser unterscheiden zu können, ermittelten die Forscher:innen vier Formen von Angeboten: von einzelnen Influencer:innen betriebene „Personen-fokussierte“ Kanäle mit entweder einem spezifischen Thema oder mit einer beliebigen Vielfalt von Themen sowie „Inhalts-fokussierte“ Kanäle, die sich entweder einem Schwerpunkt wie dem Klima widmen oder – wie etwa die ARD-„Tagesschau“ auf TikTok – die ganze Breite von Ereignissen abbilden.

Die Studie fragte die Jugendlichen nach ihren wichtigsten Beweggründen beim Folgen der Social Media Content Creators und sortierte sie nach sechs verschiedenen Nutzungsmotiven. Sie reichen von Unterhaltung über das Herstellen sozialer Nähe bis zum Vermitteln von Inspiration, Orientierung und Wissen oder der Befähigung, mitreden zu können. Die Forschenden stellten dabei fest, dass sich junge Erwachsene mit dem vorrangigen Bedürfnis nach Wissen stärker Inhalte-fokussierten Angeboten zuwenden, während Jugendliche eher zu Personen-fokussierten Kanälen neigen, von denen sie sich Identifikation und Orientierung versprechen. 

Dabei sehen auch die befragten Jugendlichen Influencer:innen durchaus nicht unkritisch, etwa wenn es um die Frage der Unabhängigkeit bei werbefinanzierten Anbietern geht oder um die Kompetenz, wenn sich reichweitenstarke Social Media-Persönlichkeiten zu komplexen politischen Sachverhalten äussern.

KI-generierte Fotos erkennen
Der Papst im chicen Daunenmantel, dank Künstlicher Intelligenz. Dass es sich um eine Täuschung handelt, ist an offensichtlichen Fehlern erkennbar. Doch wie lange noch?

Es wird immer schwieriger, Fotos, die von Menschenhand gemacht wurden von solchen zu unterscheiden, die durch Künstliche Intelligenz – eben künstlich – hergestellt wurden. Bisher war es noch so, dass KI-generierte Fotos (oder sogenannt synthetische Bilder) aufgrund von offensichtlichen Fehlern erkannt werden konnten. Etwa zu viele Finger an einer menschlichen Hand, falsche Schattenwürfe oder eine Umgebung, die überhaupt nicht zum Menschen oder dem Tier auf dem Foto passten.

Doch die KI lernt rasant, die synthetische Bildgenerierung wird immer besser, die offensichtlichen Fehler weniger. Wie aber lassen sich künftig noch Fotos kritisch überprüfen, wenn keine technischen Hilfsmittel angewandt werden können oder aber die Zeit fehlt, eine vertiefte Prüfung der Bildquelle vorzunehmen?

Unser Partner Newsroom-Workshop hat fünf Slides zusammengestellt, auf denen einige Hinweise zusammengefasst sind, wie ohne technische Hilfsmittel Fotos überprüft werden können.

Vermittlung von Nachrichtenkompetenz als Herausforderung
Zwei Grundschüler versuchen sich an ChatGPT. (AP Photo/Timothy D. Easley)

Eine Studie von 2022 zeigt, dass 76 % der Jugendlichen in Deutschland den Zeitungen und 72 % den Journalisten misstrauen. In einem Beitrag für das European Journalism Observatory stellt dessen Gründer, Prof. Stephan Russ-Mohl, ein Projekt in Deutschland vor, das sich der Problematik widmet.

Michael Haller, emeritierter Journalismus-Forscher, weist laut Russ-Mohl darauf hin, dass Medienkompetenz für junge Menschen heute wichtiger denn je ist, um sich in der digitalen Informationsflut zurechtzufinden. Viele Schulen und Ausbildungsstätten scheitern bislang aber daran, diese Kompetenz zu vermitteln.

Mit dem Projekt „Fit for News“ versucht Haller, diesem Defizit entgegenzuwirken. Es richtet sich an Jugendliche, die lernen sollen, Nachrichten kritisch zu hinterfragen, und an Lehrkräfte, die ihnen dieses Wissen vermitteln sollen. Das Projekt bietet eine kostenlose Broschüre und verschiedene Lehrmaterialien, darunter Selbstlernkurse zu Themen wie zuverlässiger Informationsbeschaffung und dem Umgang mit sozialen Medien. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Umgang mit künstlicher Intelligenz, die zunehmend „Deep Fakes“ und andere manipulative Inhalte erzeugt.

Haller hebt hervor, dass Informationskompetenz weniger technisches Wissen, sondern vor allem kognitive Fähigkeiten erfordert, um zwischen echten und falschen Informationen zu unterscheiden. Das Projekt zielt darauf ab, Jugendliche zu befähigen, Medieninhalte kritisch zu hinterfragen und das Vertrauen in Journalismus zu stärken.

Wie mit täuschend echt wirkenden Medien-Sites Propaganda gemacht wird
Nicht fake, aber auch nicht das Original: Sieht zwar aus wie Lionel Messi, heisst aber Reza Parastesh und lebte 2017 in der Hauptstadt Irans, Teheran. (AP Photo/Ebrahim Noroozi)

Seit längerer Zeit warnen verschiedene Regierungsstellen und Medien vor der sogenannten «Doppelgänger»-Kampagne Russlands. Erstmals öffentlich bekannt wurde sie im Sommer 2022, als über 30 Webseiten blockiert wurden, die täuschend echt bekannte europäische Pressetitel imitiert hatten. Betroffen waren Zeitungen wie z.B. in Frankreich «Le Monde», in Grossbritannien der «Guardian», in Deutschland «Spiegel», «Süddeutsche Zeitung» oder die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Auf diesen «fake» Webseiten wurden dann Inhalte platziert, die gezielt mit Desinformation und Propaganda versuchten, die Leser zugunsten Russlands zu beeinflussen. Dabei geht es dem Kreml offenkundig nicht nur um den Krieg in der Ukraine, sondern auch um das gezielte Anfachen von internen Konflikten in einzelnen europäischen Staaten mit dem Ziel der politischen Destabilisierung. Interessant ist, dass zum ersten Mal in diesem Umfang ganz gezielt versucht wurde, bekannte Medienmarken zu Nutzen – was damit zusammenhängen dürfte, dass die Bevölkerung diesen gerade bei politisch «heiklen» Themen immer noch eine grössere Glaubwürdigkeit attestiert als z.B. Sozialen Medien.

Das Klonschaf Dolly lässt grüssen: KI-generierte Inhalte kaum mehr von echten Nachrichten unterscheidbar
1996 war es eine Sensation – das erste geklonte Schaf „Dolly“ mit seinem Schöpfer, Professor Ian Wilmut vom Roslin Institut in Schottland. Mindestens äusserlich war es von seinen auf natürliche Weise gezeugten Artgenossen nicht zu unterscheiden. (AP Photo/PA, Maurice McDonald)

Heutzutage können mediale Inhalte mit Hilfe künstlicher Intelligenz automatisch und in grossem Umfang erstellt, verfälscht und verbreitet werden. Das ist besonders gefährlich, weil Nutzer:innen solche modernen Fälschungen kaum von „echten“ Medien unterscheiden können. Tatsächlich raten die meisten einfach, wenn sie gebeten werden, Inhalte als menschlich oder maschinell generiert zu bewerten. Zu diesen Ergebnissen kommt eine länderübergreifende Online-Studie (n = 3.002), in der die Fähigkeiten von Personen in den USA, Deutschland und China untersucht wurden, generierte Medien zu erkennen. Die Befragten wurden per Zufallsprinzip einer der drei Mediengruppen „Text“, „Bild“ oder „Audio“ zugeordnet und sahen 50 Prozent reale und 50 Prozent KI-generierte Medien. Die Studie zeigt zudem, dass KI-generierte Medien über alle Medientypen und alle Länder hinweg als menschenähnlicher bewertet werden. Bei der Beurteilung sind Einflussfaktoren beispielsweise das allgemeine Vertrauen sowie die selbstberichtete Vertrautheit mit Deepfakes. 

Die Partizipation rund um Nachrichten nimmt ab

Digitalen Medien wird oft zugesprochen, dass sie neue Möglichkeiten der Beteiligung an der medialen Berichterstattung bieten. Aber wie werden diese genutzt und wie hat sich das Partizipationsverhalten in den vergangenen Jahren verändert? Eine aktuelle Studie, in der Umfragedaten aus den Jahren 2015 bis 2022 in 46 Ländern (n = 577.859) analysiert wurden, zeigt, dass die Beteiligung an Nachrichten insgesamt zurückgegangen ist. Dieser Rückgang umfasst beispielsweise das Teilen, Liken oder Posten von Nachrichtenstücken, die Unterhaltung über Nachrichteninhalte oder das Verschicken von Nachrichtenstücken per Messenger an Freunde. In den meisten der untersuchten Länder kann ein Rückgang in der Beteiligung beobachtet werden. Insgesamt war die Beteiligung an Nachrichten bei jüngeren Menschen, Personen mit Hochschulbildung, Menschen mit hohem Interesse an Nachrichten sowie Personen mit geringem Vertrauen in Nachrichten höher. Im Laufe der Zeit ist die Beteiligung bei Personen mit geringerem Vertrauen in Nachrichten, bei Personen ohne Bachelor-Abschluss und bei Frauen stärker zurückgegangen. 

Wunsch nach mehr Orientierung im Nachrichten-Netz

Für junge Nutzer:innen sind soziale Medien ein wichtiger Ort, an dem sie mit Nachrichten in Kontakt kommen. Dabei ist Instagram bei den Jüngeren der wichtigste News-Kanal. Angesichts der Nachrichtenfülle im Internet wünscht sich eine deutliche Mehrheit (90 Prozent) junger wie älterer Nutzer:innen einen Ort, an dem sie verlässliche und wahre Informationen finden. Das zeigt eine Online-Befragung des Digitalverbandes Bitkom unter Internetnutzer:innen in Deutschland ab 16 Jahren (n = 1.002). Außerdem interessant: Das Lesen von Texten ist bei knapp der Hälfte der Befragten am beliebtesten, wobei dieser Wert bei den Älteren ab 65 Jahren (59 Prozent) mehr als doppelt so hoch ist wie bei den Jüngeren unter 30 Jahren (28 Prozent). Ein Fünftel schaut am liebsten Bilder mit kurzen Texten an, wie sie vor allem in sozialen Medien verbreitet werden, wobei dies 30 Prozent der Generation unter 30 Jahren von sich sagt und nur zehn Prozent der Gruppe ab 65 Jahren. 

Kinder und Jugendliche vertrauen klassischen Medien mehr als Onlinemedien
Wenn es eng wird, sind klassische Medien immer noch die erste Wahl: In Rom bei diesem Kiosk genauso wie bei Jugendlichen in der Schweiz. (AP Photo/Andrew Medichini)

Knapp mehr als die Hälfte der Jugendlichen informiert sich über das aktuelle politische Geschehen – fast die Hälfte (45 %) über Online-Medien und rund 10 Prozent ausschließlich online. Zu dem Ergebnis kommt die kürzlich publizierte Shell Jugendstudie 2024, für die Personen im Alter von 12 bis 25 Jahren zu diversen Themen befragt wurden (N = 2509). Dabei halten die Befragten generell klassische Nachrichten von ARD oder ZDF (83 %) und großen überregionalen Zeitungen (80 %) für (sehr) vertrauenswürdig und trauen Online-Informationsangeboten deutlich weniger. Allerdings variiert das Vertrauen je nach Herkunft: Jugendliche im Osten bringen klassischen Medien deutlich weniger Vertrauen entgegen als Gleichaltrige im Westen und vertrauen umgekehrt den Informationen in Online-Kanälen häufiger. 90 Prozent der jungen Menschen findet es zudem (sehr) wichtig, dass der Umgang mit Künstlicher Intelligenz und das Erkennen von “Fake News” in der Schule verpflichtend unterrichtet werden.

YouTube: Empfehlungsalgorithmen ziehen Nutzende von Nachrichten weg

Die Empfehlungsalgorithmen von YouTube erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer:innen mehr Unterhaltungsvideos angezeigt bekommen und weniger Nachrichten. Das zeigt eine kürzlich erschienene Studie, in der über 1,7 Millionen YouTube-Videoempfehlungen aus dem Jahr 2019 untersucht wurden. Die Forschenden haben herausgefunden, dass Empfehlungsalgorithmen Nutzende potenziell über zwei Einflusswege von Nachrichteninhalten wegleiten können. Zum einen durch „thematischen Filterblasen“, bei denen Unterhaltungsinhalte eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, gegenüber Nachrichteninhalten empfohlen zu werden. Zum anderen über eine „algorithmische Umleitung“, bei der die Wahrscheinlichkeit, dass Unterhaltungsvideos nach einem Nachrichtenvideo empfohlen werden, viel höher ist als die für das Gegenteil. Die Forschenden halten fest, dass die Ergebnisse auf wesentliche Verzerrungen bei algorithmischen Empfehlungen auf digitalen Plattformen hinweisen, die über die Verstärkung der Präferenzen der Nutzenden hinausgehen.

Frauen und Jugendliche lassen sich eher von Social Media Influencer:innen beeinflussen

In sozialen Medien wie Instagram oder TikTok sind es vor allem Social Media Influencer:innen (SMI), denen junge Menschen folgen und sich davon einen konkreten Nutzen für ihr Leben versprechen. Jugendliche und junge Erwachsene stützen ihre Präferenzen, ihren Lebensstil und ihre Kaufentscheidungen oftmals auf die Empfehlungen dieser Persönlichkeiten. Dabei spielen Aspekte wie die Glaubwürdigkeit oder Attraktivität dieser Persönlichkeiten eine große Rolle, wie eine Studie unter jungen Nutzer:innen (N= 809) zeigt. Die Forschenden haben auch herausgefunden, dass Frauen und Jugendliche tendenziell mehr auf SMI zurückgreifen, wenn es darum geht, ihren Lebensstil oder Kaufentscheidungen zu finden.

Grosse Skepsis gegen KI im Journalismus
Newsroom von 20 Minuten in Zürich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Das Jahrbuch zur Qualität der Medien in der Schweiz des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög) für 2024 hat auch die Akzeptanz von Künstlicher Intelligenz (KI) bei Medienkonsumenten untersucht. Dabei zeigt sich laut den Forschern eine anhaltende Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI im Journalismus. Fast drei Viertel der Befragten schätzen die Risiken von KI im Journalismus als hoch ein, wobei vor allem negative Auswirkungen auf die Medienqualität und eine Zunahme von Falschnachrichten befürchtet werden. Dabei werden unterstützende KI-Anwendungen – Übersetzungen, Datenanalysen oder Recherchen – gutgeheissen. Je mehr KI aber direkt in den journalistischen Output eingreift, wie z. B. in die Text- oder Bildproduktion, desto grösser ist die Skepsis.

Eine Mehrheit wünscht sich daher auch eine grössere Transparenz, wie und wo KI in einem Medium zum Einsatz kommt, und dass die Redaktionen für KI-generierte Beiträge die volle Verantwortung übernehmen. Und obwohl viele Medien- und Verlagshäuser inzwischen interne Richtlinien zum Einsatz von KI erlassen haben, findet eine Mehrheit, dass der Umgang mit KI nicht genügend verantwortungsvoll ist.

Können Bilder lügen?
Trump mit Secret Service Agenten nach dem Anschlag in Butler. (KEYSTONE/AP Photo/Evan Vucci)

Fotos können immer nur den Moment zeigen. Sie werfen ein Schlaglicht auf ein Ereignis. Was vorher, während und danach passiert ist oder in welchem Kontext das Foto steht, kann der Betrachter nicht wissen. Es braucht also immer die Einbettung dieses einzelnen Moments in eine Abfolge von Ereignissen oder in einen Sachverhalt. Wer im gezeigten Beispiel mit Donald Trump nicht weiss, dass soeben auf den Präsidentschaftskandidaten geschossen wurde und dass es für das Attentat unzählige Augenzeugen gibt und auch Live-TV-Aufnahmen, könnte vielleicht meinen, er habe sich bei einem Sturz auf der Bühne verletzt. Das wäre aber nicht der wahre Sachverhalt, denn das Attentat hat effektiv stattgefunden.

Manipuliert wird, seit es Fotos gibt

Fotos bilden ab, was ist. Aber sie können auch manipuliert werden. Technisch ist dies im digitalen Zeitalter einfacher denn je. Aber auch schon vor 100 Jahren wurden Fotographien retouchiert, also nachträglich verändert, um einen anderen Sachverhalt vorzutäuschen. Berühmt ist eine Aufnahme von 1920 des russischen Fotografen Grigori Goldstein. Sie zeigt Lenin, der von dem Bolschoi-Theater in Moskau eine Rede vor Rotarmisten hält. Ebenfalls auf dem Originalfoto sind seine Mitstreiter Trotzki und Kamenew. Nach Lenins Tod 1924 bricht in der kommunistischen Führung ein Machtkampf aus, den Stalin gewinnt. Kamenew und später Trotzki lässt er umbringen, und das berühmte Foto so beschneiden, dass die zwei nicht mehr sichtbar sind. Später werden sie gänzlich aus dem Bild herausretouchiert.

Nicht alles, was echt wirkt, ist es auch

Schliesslich können Foto-Aufnahmen auch inszeniert sein. Dabei werden Objekte nach einem bestimmten Muster arrangiert, ohne dass dies dem Betrachter auffallen soll. Sie gaukeln eine Form der Authentizität vor, die es nicht gibt. Berühmt dafür ist das 1950 geschossene Foto «Der Kuss vor dem Hôtel de Ville» von Robert Doisneau, das weltberühmt wurde. Es zeigt ein wie zufällig sich küssendes Paar inmitten einer belebten Strassenszene. In Tat und Wahrheit handelt es sich um Schauspieler, die Szene wurde für die Aufnahme gestellt.

Mehr zu Bildmanipulation und wie man Fotos auf ihre Echtheit überprüft:

Wenn aus Jux bitterer Ernst wird
(Youtube)

KI-generierte Videos gehören inzwischen zum Alltag sämtlicher einschlägiger Plattform. Ob Tik-Tok, Youtube oder Instagram, sie sind omnipräsent. Meist handelt es sich um plumpe Fälschungen oder Manipulationen, die sehr einfach erkannt werden können. Eine viel zu grosse Katze etwa, ein Jumbo-Jet, der unter der Golden-Gate-Brücke durchfliegt, oder Kühe, die sich menschähnlich verhalten, sind lustig und harmlos. Anders verhält es sich bei sogenannten Deep fakes, die darauf abzielen, Menschen in ihren politischen Einstellungen zu beeinflussen, die demokratische Ordnung zu destabilisieren oder gar durch eine gezielte Emotionalisierung der Zuschauer Gewalt zu befördern.

Ein Beispiel ist das millionenfach geteilte Video von Jimm Falon, einem der bekanntesten Moderatoren von CNN. Er berichtet in gewohnt sachlicher Weise von einem russischen Atomwaffen-Angriff auf Berlin, den es gar nicht gegeben hat. Es ist eine derart gut gemachte Fälschung von Stimme, Mimik und Lippenbewegung, die selbst für Experten nicht mehr einfach zu erkennen ist. Wie also lassen sich solche Deep fakes für Laien erkennen?

Wir geben einige wenige Tipps und Verhaltensweisen.