Zielgruppe, Themen, Kanton, Schultyp, Angebotsform, Kosten, Zeitraum
Suchen…
8 von 30 Angebote werden angezeigt - Filter zurücksetzen
Zwei Stunden «Medien und Informatik» reichen nicht
Ohne Lesefähigkeit geht es nicht, heute nicht im digitalen Zeitalter, damals nicht im Betriebsalltag im Postcheckamt der PTT an der Claridenstrasse in Zürich bei der Addition und Prüfung von Geldanweisungen. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Milou Steiner, Walter Scheiwiller)

Es war vielleicht die pointierteste Aussage an der zweiten Nationalen Nachrichtenkompetenz-Tagung, die am Freitag (21. März 2025) an der ZHAW in Winterthur vom Verein UseTheNews in Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Medienwissenschaften (IAM) durchgeführt wurde: Auf die Frage, wie er denn als TikTok- und Instagram-Star mit Millionen von Followern die Wirkung sozialer Medien gerade auf Jugendliche einschätze, antwortete der frühere Musik- und Sportlehrer Jodok Vuille alias «Jodokcello» in erfrischender Offenheit: «Kein Handy bis 12 – und geht in die Natur und pflegt Freundschaften!» Er selbst sei bereits Opfer geworden, durch fake accounts, «falsche» Jodokcellos, die in seinem Namen ahnungslose Fans zu ködern versuchten. Er habe dadurch gelernt, extrem vorsichtig zu agieren und zurückhaltend zu bleiben mit Privatem.

YouTube ist «lame»

Der aus dem Emmental stammende Lehrer hatte zuvor von seinem kometenhaften Aufstieg als Cellist dank den sozialen Medien berichtet – wobei ihm seine Schüler:innen zu TikTok und Instagram geraten hätten, nachdem er zunächst nur auf YouTube unterwegs gewesen sei. Das sei «lame» – er solle von der Horizontalen in die Vertikale wechseln.

Heute kann er von seinen Posts leben, die auch einmal atemberaubende 86 Millionen Views generieren können. Seinen Erfolg sei harte Arbeit, erläuterte der Künstler. Und das Resultat der selbst gemachten Erfahrung, wie auf sozialen Medien eine Kommerzialisierung erzielt wird. Entscheidend seien für die Algorithmen vier Dinge: Die «Watch-Time», also gemessen an der Zeitdauer eines Clips der prozentuale Anteil der Zeit, in der das Video effektiv geschaut wird (in seinem Fall 300 Prozent); Kommentare zulassen, insbesondere auch negative (weil diese in seinem Fall eine Mehrzahl positiver generieren); die Likes und die Shares.

«One fits all» funkioniert nicht

In die Tagung eingeführt hatte die rund 150 Lehrer:innen und Vertreter aus Bildung, Wissenschaft und Medien die Forscherin Fiona Fehlmann vom IAM. Sie erläuterte die verschiedenen Dimensionen von Nachrichtenkompetenz und deren Wechselwirkung anhand des 5C-Schemas von Tully aus dem Jahr 2022. Die damit angesprochene Komplexität, was alles Nachrichtenkompetenz umfasst, macht es für Erziehungs- und Bildungsverantwortliche nicht einfach, diese bei Jugendlichen zu fördern.

«One fits all» funktioniert dabei nicht, das wurde in einem engagiert geführten Panel zwischen dem Sekundarschullehrer Kaspar Vogel, der Gymnasiallehrerin Lea Thalmann-Truniger und dem Direktor des Berufsbildungszentrums Olten, Georg Berger, rasch deutlich. Während Thalmann im Unterricht Handy und Tablets einsetzt («bring your own device») und damit auch gute Erfahrungen macht (gleichzeitig aber auch eingesteht, dass sie angesichts der teilweise schon erreichten Mündigkeit ihrer Schüler:innen kaum Möglichkeiten sieht, den Gebrauch zu verbieten), setzt sich Vogel auch in seiner Rolle als Gemeinderat für ein Handy-Verbot ein – im Wissen um den Zielkonflikt, gemäss Bildungsauftrag digital unterrichten und bilden zu müssen.

Wenn schon findet er es sinnvoller, einen bewussten Einsatz von Digitalmedien während des Unterrichts anzustreben. Das Hervorholen und Wegräumen auch von Handys und Pads – in die Garage stellen, wie er es bezeichnete – führe zu einer stärkeren Fokussierung. Was man seiner Meinung nach nicht tun sollte, sei Jugendliche einfach sich selbst zu überlassen mit den Devices und einer Aufgabe.

Seine Schüler:innen stammten oft aus bildungsfernen Familien, erläuterte er seine Haltung. Das Handy sei für sie auch zuhause sehr häufig die einzige Beschäftigung, was auch zu einer gewissen sozialen Vereinsamung führen kann. Das macht sie u.U. anfälliger für Hassbotschaften oder Desinformations-Kampagnen. Gerade während des Gaza-Krieges seien Schüler:innen etwa auf TikTok mit problematischen einseitigen Informationen und Bildern konfrontiert, was gefährlich sei, führte der Lehrer aus. Auch habe er in Chat-Gruppen mit sexistischen oder politischen Botschaften zu tun. Er scheue sich dann nicht, persönlich auf Schüler:innen und die Eltern zuzugehen, schliesslich habe er auch einen Erziehungsauftrag. Schulische Sanktionen, etwa einen Verweis auszusprechen, sieht er dagegen als wenig wirksam an.

Thalmann wiederum unterrichtet im Kurzzeit-Gymnasium «ihre» Klasse während zwei Stunden. Für andere Lektionen sind andere Lehrer:innen zuständig. Schulstufe und -typ beeinflussen also ebenso Möglichkeiten und Grenzen, auf die Schüler:innen einzuwirken.

Berger wiederum – auch er im Kontext mit Schüler:innen, die bereits in einer Lehre stehen und älter sind – hat als Folge kritischer Medienberichte über seine Bildungsinstitution erlebt, dass Jugendliche Nachrichten durchaus reflektieren, wenn sie ein Thema direkt betrifft bzw. dieses einen Bezug zu ihrer Lebensrealität hat. Allerdings stellt auch er fest, dass es vielen Schüler:innen nicht leicht fällt, zwischen Meinung, Fakten und Interpretation differenzieren zu können.

Einig waren sich die drei, dass die Schule nicht umfassend die Förderung von Nachrichtenkompetenz schultern kann. Es brauche neben Elternhaus und Lehrbetriebe auch weitere Angebote und Unterstützung, so ihr Tenor. Dabei mangelt es Schüler:innen nicht an technischem Verständnis: Sie seien durchaus «fit», ja fitter in der Anwendungskompetenz als ihre Lehrer:innen oder Eltern, sagte Berger. Nur eben: In der Gerätebedienung schnell zu sein heisse nicht automatisch lösungs- und zielgerichtet, und schon gar nicht inhaltlich-kritisch bewertend. Bildung sei daher immer auch Reifung, findet Berger.

Plädoyer für mehr Lesefähigkeit

Der Jugendbuch-Autor und Journalist Thomas Feibel plädierte in seiner Keynote für Lesefähigkeit als neuen «Leitbegriff» in der Medienkompetenz. Dabei fasst er diesen bewusst weit: «Lesen» können man ganz unterschiedlich: linear ein Buch, wissensgetrieben ein Lexikon, interessengeleitet eine Zeitung. Aber auch Gaming oder soziale Netzwerke benötigten Lesefähigkeit – wobei diese eben nicht (nur) TikTok und Co. umfassten, sondern «echte Menschen», Freunde, Familie, Verwandte. Auch für Daten benötige man Lesefähigkeit – allein schon angesichts der Tatsache, dass im Internet so etwas wie Privatsphäre nicht mehr existiere, führte Feibel aus.

Die Diskussionen in seinem Heimatland Deutschland, wie in Österreich oder Italien bundesweit ein Handy-Verbot an Volksschulen zu erlassen, findet er wichtig und dennoch falsch geführt. Es brauche kein Verbot, sondern die Vermittlung des richtigen Umgangs mit Medien, und dies durchgängig vom Kindergarten bis zum Schulabschluss. Eben von Lesefähigkeit.

Handlungsbedarf hoch und dringend

Diesen Handlungsbedarf bejahten dann auch die Teilnehmer des zweiten Panels, die Lehrerin Ute Heckroth und die junge «YouMedia»-Mitarbeiterin Jenny Kitzka sowie der Leiter Pädagogische Arbeitsstelle des Dachverbands der Lehrer:innen in der Schweiz, Beat A. Schwendimann, und Flurin Senn, Leiter Bildung und Erziehung der PH Zürich.

Schwendimann sieht die Förderung der Nachrichtenkompetenz als dringlich an, wobei die vielen Akteure besser vernetzt werden sollten. Auch könne die Schule nicht alles leisten. «Das Elternhaus muss hier mitwirken, aber auch Behörden, die Politik, die Medien», sagte er, verbunden mit dem Wunsch, dass die Dringlichkeit erkannt werde, weil die ungefilterte Meinungsbildung immer schwieriger werde. Dem entgegenzuwirken, reichten zwei Stunden «Medien und Informatik» nicht. Medienkompetenz sei ein fächerübergreifender Bildungsauftrag – die Eingrenzung auf ein Fach wie im Lehrplan21 vorgesehen sei nicht ausreichend.

Sie habe nie einen spezifischen Medien-Unterricht genossen, gestand Kitzka. Und sie sei selbst ja irgendwie auch ein «Opfer» von sozialen Medien. Diese jedoch seien eine Realität, gerade in ihrer Altersgruppe, dafür könnten die Jugendlichen aber nichts. Sie wäre daher interessiert, kompetenter zu werden im Umgang.

Auch Senn sieht dieses Bedürfnis in der Ausbildung angehender Lehrer:innen, die ja wie Kitzka quasi zur «Zielgruppe» für die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz gehören. Junge Studierende reflektierten ihre Mediennutzung schon, auch sei der Unterrichtsgegenstand – Medien – attraktiv, weil sehr lebensnah und von grosser individueller Bedeutung, erläuterte er. Gleichzeitig müsse man aber auch Praktiken als Lehrer:innen überdenken, die als Privatperson vielleicht logisch seien, wie etwa die Einrichtung eines Klassen-Chats auf WhatsApp. Das sei allein schon aus Datenschutzgründen nicht sinnvoll.

Schwendimann sieht hier auch das Dilemma zwischen Schutz und Teilhabe; mehr Restriktion vermindere die Fähigkeit zu partizipieren, und gleichzeitig wolle man Jugendliche vor Risiken dieser Partizipation bewahren.  Lehrer:innen wiederum müssten sich bewusst sein, ihrerseits auch eine Person des mindestens teilweise öffentlichen Interessen zu sein und immer auch ihre Schule zur repräsentieren. Einen «Onlyfan»-Account zu betreiben sei daher eher nicht zu empfehlen.

Für die an einer Berufsschule arbeitende Lehrerin Heckroth wiederum ist das Hauptproblem bei der Vermittlung von Nachrichtenkompetenz(en) der Zeitbedarf und die strukturellen Vorgaben. Mit der auf Sek-II-Stufe häufig praktizierten Devise «bring your own device» sei es für sie im Unterricht extrem schwierig zu kontrollieren, wer nun was genau auf seinem Screen tue.

Handy-Verbot wenig zielführend

Trotz dieser vielen Bedenken hielten aber auch diese Fachleute ein Handy-Verbot für eher wenig zielführend. Der Dachverband erachtet laut Schwendimann eine unterrichtsbezogene und -angepasste Nutzung für sinnvoller; das schliesse ein Nutzungsverbot für private Zwecke im Rahmen der Schulordnung nicht aus. Er mahnte dabei auch an, mindestens auf Ebene des Schulkreises einheitliche Regelungen zu erlassen, dies allein schon aus praktischen Gründen für Eltern mit mehreren schulpflichtigen Kindern.

Einig waren sich die Panelisten auch darin, dass Jugendliche zwar im Fokus stehen sollten, aber die Gesellschaft als Ganzes gefordert ist, kompetenter zu werden im Umgang mit Medien.

KI-genierte Wirklichkeiten – ad absurdum

Ein eindrückliches Beispiel, wie gut – oder eben wie schlecht – KI beim Erstellen und Verfälschen von Fotos ist, zeigte der Winterthurer Cartoonist und Illustrator Ruedi Widmer. Ausgehend von einem Aufnahme, die einen Ausschnitt der Skyline von Manhattan zeigt, transformierte er diese einem staunenden Publikum fallweise in ein venezianisches Gemälde, in eine Stadt Flanderns des 17. Jahrhunderts, in Zürich oder in Marrakesch, dann wieder in einen Friedhof oder in eine Auslage von Parfümflakons. Ja selbst eine Häkeldecke oder eine IKEA-Möbellandschaft konnte er mit wenigen Prompts im Programm Midjourney generieren, immer das «Original» bewahrend bzw. dessen Kernelemente – die Wolkenkratzer Manhattans – nutzend. Das Ergebnis war so verblüffend wie irritierend: Unser Gehirn wandelt optische Eindrücke um und verfestigt sie zu einer neuen Wahrheit. Objektivität und Realität wandeln sich innert weniger Minuten, die Ratio wird übertölpelt.

Und doch gab sich Widmer getröstet, er, der laut seinen Worten bei Aufkommen erster KI-generierter Bilder unruhig geworden sei, weil er um seinen Brotjob gefürchtet habe: «Auch wenn die Qualität besser wird; KI-generierte Bilder sind erkennbar.» Wohl auch, mag man hinzufügen, weil das Ergebnis derart absurd ist.

Nachrichtenkompetenz: Förderung dringlich und notwendig

Intensive Diskussionen, kontroverse Panels, unterhaltsame Keynotes – und viel Gesprächsstoff während der Pausen und in den Breakout-Sessions: Das war die zweite nationale Nachrichtenkompetenz-Tagung an der ZHAW in Winterthur. Rund 150 Lehrer:innen v.a. der Stufen Sek I und II und Fachleute aus Bildung, Wissenschaft und Medien setzten sich während eines Tages mit Themen wie Handy-Verbot in Schulen, Lesefähigkeit, KI-generierte Inhalte, Foto-Verifikation oder digitale Schulordnung auseinander. Engagiert, ernsthaft, kollegial – und in einem einig: Die stärkere Förderung von Nachrichtenkompetenz unter Jugendlichen als eine Schlüsselkompetenz des anbrechenden virtuellen Zeitalters ist dringlich und notwendig. (Fotos: Til Bürgy / Keystone-SDA – Michi Steiner / SRG)

«Desinformation ist zu einem Flächenbrand geworden»
Ganz so einfach wie hier ein Waldbrand am Königsberg unterhalb vom Brocken im Harz (Deutschland) lässt sich der Flächenbrand der Desinformation nicht löschen. (KEYSTONE/DPA/Swen Pförtner)

Wie begeistert man junge Menschen für Journalismus? Dieser Frage geht die Initiative #UseTheNews in Deutschland nach. Mit dem «Jahr der Nachricht» hat sie 2024 Desinformation den Kampf angesagt. Mit dem Slogan «Vertraue Nachrichten, die Stimmen statt Stimmung machen» wollte die Initiative vor allem junge Menschen in Deutschland für Fakes News sensibilisieren und die Nachrichtenkompetenz erhöhen. Das Jahr ist um, aber die Mission noch nicht vorbei. Mit Meinolf Ellers, dem Geschäftsführer von #UseTheNews, werfen wir im Interview einen Blick zurück auf das vergangene Jahr und fragen nach, wie es weitergeht.

Meinolf Ellers, bevor wir genauer auf das «Jahr der Nachricht» eingehen, will ich noch kurz über #UseTheNews reden. Die Initiative gibt es seit 2020. Wie kam es zur Gründung von #UseTheNews in Hamburg und was war die Zielsetzung?

Die Initiatoren des Projektes – der Hamburger Senat, das Amt der Medien und die dpa – waren bereits im Gespräch zum Thema, wie die Zukunft von journalistischen Medien aussehen könnte. Seit 15 Jahren veranstalten wir in Hamburg zusammen eine Innovationskonferenz, die «Scoop Camp» heisst. Vor der Gründung von #UseTheNews im Jahr 2019 hatten wir dort als Keynote Speaker den langjährigen Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, zu Gast. Er hat grosse Sorgen geäussert, was mit den unter 30-Jährigen passiert, da sie als Zielgruppe für Nachrichten und Informationen völlig wegbrechen. Da haben wir uns dann die Frage gestellt, was wir tun können.

Zunächst wollten wir lediglich eine Studie mit dem Leibniz-Institut machen, um herauszufinden, wie es um die Nachrichtenkompetenz von jungen Menschen steht. Wir haben diese Idee aber sehr schnell weiterentwickelt. Zu wissen, dass es vielleicht schlecht steht um die Nachrichtenkompetenz der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, reicht nicht aus. Vielmehr wollten wir gleich eine Struktur ergänzen zu dieser Studie, die es uns ermöglicht, mit den Erkenntnissen konkret Gegenmassnahmen zu ergreifen.

Im fünften Jahr des Bestehens: Welche Zwischenbilanz ziehst du als Geschäftsführer – und was würdest du heute anders machen als damals bei der Gründung?

Wir wussten schon von Anfang an, dass wir aus dem Jahr 2024 etwas Besonderes machen wollen – anlässlich des 75. Jahrestages des Inkrafttretens des deutschen Grundgesetzes. In diesem Jahr wurde die dpa auch 75 Jahre alt, weshalb die Idee naheliegend war. In den ersten drei Jahren von 2020 bis 2023 wollten wir das Projekt erst mal auf ein Niveau bringen, auf dem unsere Partner uns zutrauen, so etwas Vermessenes wie ein «Jahr der Nachricht» auszurufen. Und deswegen ging es in diesen ersten drei Jahren darum, das zu gewinnen, was man vielleicht heute Street Credibility nennt. Das ist uns gelungen, würde ich sagen. In das «Jahr der Nachricht» ist #UseTheNews 2024 als Zwerg gestartet und während des Jahres zum Scheinriesen gewachsen – dank der Zusatzförderung, die wir erhalten haben. Wichtig war, danach nicht wieder auf Zwergenniveau zu schrumpfen. Wir haben viel gelernt und gesehen, wo wir wirksamer werden müssen. Daher würde ich gar nicht viel anders machen. Ein zentrales Learning mit dem Wissen von heute ist aber, dass wir von Beginn an stärker versucht hätten, auf das Radar der Bildungspolitiker und Stiftungen im Bereich Schule und Bildung zu kommen. Das mussten wir uns erst erarbeiten.

Könnte man dann im Umkehrschluss zusammenfassend sagen, Bildung ist der Weg, um junge Leute wieder für Medien zu begeistern?

Es ist die Kombination aus Bildung und Journalismus. #UseTheNews hat meiner Meinung nach eine ganz gute Balance gefunden. Wir haben uns genau an der Schnittstelle positioniert. Das sieht man zum Beispiel daran, dass wir verstanden haben, wie wichtig für das aktive Bespielen der Schnittstellen sogenannte Intermediäre sind, wie Medienpädagog:innen und Medienscouts, also Jugendliche, die besonders qualifiziert sind. Allein zu sagen, wir bringen Journalismus in die Schule und die Schüler:innen hören was über das Thema ändert erst mal gar nichts. Sondern wir müssen in diesem Dreieck zwischen Lehrkräften, Journalist:innen und Jugendlichen unter Beteiligung dieser Intermediäre überlegen, wie wir Jugendliche aktiv mit einbeziehen können.

Anlässlich des 75. Jahrestages des Inkrafttretens des deutschen Grundgesetzes und insbesondere des Artikels 5 zur Meinungs- und Pressefreiheit habt ihr 2024 das Projekt «Jahr der Nachricht» gestartet. Worum ging es konkret bei diesem Projekt?

Als wir die ersten Ideen im Jahr 2020 hatten für dieses Projekt, war unser Leitsatz vor allem unser Claim #UseTheNews, also Jugendlichen vermitteln: «Hey nutze Nachrichten, die sind wichtig für dein Leben.» Was wir da noch nicht ahnen konnten: Durch die Pandemie 2020, den Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine zwei Jahre später und die dramatische Entwicklung im Bereich KI ist Desinformation zu einem Flächenbrand geworden.

Dadurch hat das «Jahr der Nachricht» auch nochmal einen ganz anderen Spin bekommen, weil Anfang 2024 klar war, dass das Thema Desinformation zu einer echten Gefahr für die Demokratie und die Gesellschaft wird. Deswegen auch die Förderung durch das Bundesinnenministerium. Das deutsche Sicherheitsministerium hat uns aus Mitteln der Desinformationsbekämpfung gefördert und nicht aus Mitteln der Journalismus- oder Medienförderung. Es ging um die Frage, welchen Beitrag wir leisten können bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, um Resilienz gegen Desinformation aufzubauen. Das war der Auftrag.  

Jugendliche für das Thema Desinformation zu sensibilisieren und ihre Nachrichtenkompetenz zu fördern, war das Hauptziel. Welche Ansätze oder Projekte waren dabei besonders erfolgreich im vergangenen Jahr?

Aus meiner Sicht sind die Newscamps der grosse Überraschungserfolg des «Jahrs der Nachricht». Da haben wir gesehen, dass zwei Dinge absolute Erfolgsfaktoren sind: Das eine ist aktives Mitmachen, möglichst viele auch spielerische Ansätze bilden, in denen Jugendliche sich mit diesen Themen auseinandersetzen können. Und ein weiterer Aspekt war eben die physische Präsenz.

Beim grossen Experiment des Social News Desks haben wir geglaubt, es wird einfacher, mit all den anderen Playern, die sich auf Social Media bewegen, mitzuhalten. Es ist aber kein Selbstläufer, einen Nachrichtenkanal auf TikTok, Instagram, YouTube usw. aufzubauen. Wir wissen jetzt, was Erfolgsfaktoren sind, aber über Nacht mal eben einen reichweitenstarken Superkanal auf Social Media hinzustellen, das ist illusorisch.

Ich glaube das ist ein entscheidender Punkt: Wenn wir versuchen über Social Media Jugendliche zu erreichen, können wir nur bedingt mit den anderen Angeboten mithalten und die Aufmerksamkeit von Jugendlichen erregen. Wenn wir aber in den direkten Dialog gehen, dann können wir plötzlich unsere Stärken ausspielen. Das ist ein wichtiges Learning und das haben uns die Jugendlichen und mittlerweile auch Lehrer und Eltern zurückgespielt.

Wer hat alles mitgewirkt am «Jahr der Nachricht», neben #UseTheNews?

Neben der Finanzierung durch zum Beispiel das BMI (Bundesministerium des Innern und für Heimat) und die Partner war ein anderer wichtiger Teil, eine gute Struktur aufzubauen. Ganz oben angefangen, gibt es ein Kuratorium mit wichtigen Vertretern der Partner, also auch politisch ist es hochrangig besetzt. Dieses Kuratorium hat einen kleinen Leitungskreis. Das ist mal das Erste. Das zweite ist, dass 2022 #UseTheNews in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt wurde. Es gibt im Bereich der Nachrichtenkompetenzförderung eine Menge kleiner Projekte, Stiftungen und Vereine, die alle darunter leiden, dass ihnen eine professionelle Struktur fehlt. Wir, und das ist eben auch der Hintergrund, wenn man eine hundertprozentige Tochter der dpa ist, legen grossen Wert darauf, dass unsere Strukturen hochprofessionell sein müssen. Für jeden Euro, den man uns anvertraut, müssen wir einstehen, müssen Leistungen liefern, müssen auch Bericht darüber abgeben, was wir damit getan haben. Für das «Jahr der Nachricht» haben wir dann eine eigene Projektstruktur aufgebaut. Die bestand aus zwei Units: Der Social News Desk, ein Team aus zehn jungen Leuten, die täglich redaktionell gearbeitet haben und der» Mission Control», die die Gesamtkoordination, Partnerkontakte und das Management der Kampagne übernommen hat.

Was ist dein persönliches Fazit aus dem «Jahr der Nachricht»?

Im Rennen, um den Flächenbrand Desinformation zu löschen und Jugendlichen die Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie im digitalen Informationsraum zurechtkommen, sind wir immer leicht im Rückstand. Und wenn Mark Zuckerberg jetzt ankündigt, bei Meta auf Faktenchecks zu verzichten, wird das den digitalen Raum noch weiter vergiften. Trotzdem ist das Rennen nicht verloren. Einer der wichtigsten Meilensteine im «Jahr der Nachricht» war, dass wir im Oktober die Gelegenheit hatten, auf der ersten Bildungsministerkonferenz der Länder in Deutschland zu sprechen. Das ist die Runde, die hier bei uns alles entscheidet, rund um die Schulen. Die Ehre zu haben, dort über unsere Anliegen zu sprechen und wirklich grosse Unterstützung zu finden, war für mich eines der wichtigsten Signale. Viele Beteiligte haben in diesem «Jahr der Nachricht» verstanden, dass die Wahlergebnisse, wo Jungwähler:innen zu einem Drittel in Richtung Rechtsextremismus abgewandert sind, direkt im Zusammenhang stehen mit dem Verlust von Informationskompetenz und Desinformation.

Das «Jahr der Nachricht» ist vorbei, was bleibt, ist das Whitepaper «Fit für die Demokratie». Eine Version richtet sich dabei an Journalist:innen, die andere an Lehrkräfte. Welche zentralen Inhalte vermittelt das Whitepaper?

Das Whitepaper soll unsere Erkenntnisse und Empfehlungen aus dem «Jahr der Nachricht» festhalten und zusammenfassen. Gleichzeitig dient es als Arbeitsprogramm für die nächste Stufe von #UseTheNews. Uns war immer klar, dass Dümmste wäre, wir beenden «das Jahr der Nachricht» und sagen: «Das wars jetzt.» Es soll weitergehen und wir haben schon im Frühjahr letzten Jahres eine Struktur gebaut, um zu sehen, wie wir parallel zum laufenden «Jahr der Nachricht» schon die Weichen stellen für das nächste Jahr. Also Finanzierung, Partner und Schwerpunkte finden und festlegen.

Und wie geht es jetzt weiter mit #UseTheNews in Deutschland?

Aufmerksamkeit schaffen, das haben wir jetzt erreicht. Jetzt müssen wir wirksam werden. Mit der Kulturministerkonferenz und unseren wichtigsten Partnern, beispielsweise dem Deutschen Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung, haben wir erste Ideen und Meilensteine entwickelt für den Zeitraum 2025 bis 2030. Für das Jahr 2030 haben wir uns das Ziel gesetzt, dass jedes Kind in Deutschland, egal in welcher Region, egal in welcher Schule und Schulform, verbindlich Zugang zu einem Unterrichtsangebot zur Vermittlung von Nachrichten- und Informationskompetenz hat. Wir sagen nicht, was in Deutschland immer eine politische Diskussion ist, dass Medienpädagogik zum Schulfach werden muss. Davon halte ich nichts. In Deutschland funktioniert die Bildungspolitik so, dass man sich auf gemeinsame Ziele verständigen kann, aber jedes Bundesland muss die Möglichkeit haben, seinen eigenen Weg zu finden.

Wie soll das Ziel bis 2030 erreicht werden?

Um das zu erreichen, wollen wir 2025 in einem Drittel der 16 Bundesländer eine Handvoll Pilotprojekte machen, die vom jeweiligen Bildungsministerium begleitet werden. Dadurch sollen hoffentlich Leuchttürme geschaffen werden, die von allen anderen Bundesländern wahrgenommen werden, sodass wir dann Best Practices entwickeln können, die auch bundesweit Standards definieren zum Nachahmen und Nachmachen.

Ein anderes Ziel betrifft den Journalismus, da wir uns immer zwischen den Polen Bildung und Journalismus bewegen. Der Journalismus muss sich grundlegend ändern. Grundlegend! Unsere These ist, Informationsmedien aus dem Printbereich können nur überleben, wenn sie sich neu erfinden, und zwar im Bündnis mit den Jungen. Das bedeutet zum Beispiel für einen neuen Journalismus: Ende des Sender-Empfänger-Prinzips. Das lehren uns die jungen Zielgruppen auf Social Media, es wird immer mehr zu einem interaktiven Pingpong auf Augenhöhe. Aktive Teile der Community wollen mitreden, wollen mitmachen, wollen eingebunden werden, dafür müssen wir Angebote machen.

Dafür, ganz konkret, richten wir jetzt in Hamburg das Competence Center Young Audiences ein, das CCYA, das ist neben dem, was ich gerade für den Bildungsbereich gesagt habe, unser zweites konkretes Learning aus dem Jahr der Nachricht, wir brauchen diesen Laborort, an dem wir Jugendliche, Journalist:innen und Produktentwickler:innen zusammenbringen und miteinander arbeiten lassen, um den neuen Journalismus zu entwickeln.

Grosse Skepsis gegen KI im Journalismus
Newsroom von 20 Minuten in Zürich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Das Jahrbuch zur Qualität der Medien in der Schweiz des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög) für 2024 hat auch die Akzeptanz von Künstlicher Intelligenz (KI) bei Medienkonsumenten untersucht. Dabei zeigt sich laut den Forschern eine anhaltende Skepsis gegenüber dem Einsatz von KI im Journalismus. Fast drei Viertel der Befragten schätzen die Risiken von KI im Journalismus als hoch ein, wobei vor allem negative Auswirkungen auf die Medienqualität und eine Zunahme von Falschnachrichten befürchtet werden. Dabei werden unterstützende KI-Anwendungen – Übersetzungen, Datenanalysen oder Recherchen – gutgeheissen. Je mehr KI aber direkt in den journalistischen Output eingreift, wie z. B. in die Text- oder Bildproduktion, desto grösser ist die Skepsis.

Eine Mehrheit wünscht sich daher auch eine grössere Transparenz, wie und wo KI in einem Medium zum Einsatz kommt, und dass die Redaktionen für KI-generierte Beiträge die volle Verantwortung übernehmen. Und obwohl viele Medien- und Verlagshäuser inzwischen interne Richtlinien zum Einsatz von KI erlassen haben, findet eine Mehrheit, dass der Umgang mit KI nicht genügend verantwortungsvoll ist.

Können Bilder lügen?
Trump mit Secret Service Agenten nach dem Anschlag in Butler. (KEYSTONE/AP Photo/Evan Vucci)

Fotos können immer nur den Moment zeigen. Sie werfen ein Schlaglicht auf ein Ereignis. Was vorher, während und danach passiert ist oder in welchem Kontext das Foto steht, kann der Betrachter nicht wissen. Es braucht also immer die Einbettung dieses einzelnen Moments in eine Abfolge von Ereignissen oder in einen Sachverhalt. Wer im gezeigten Beispiel mit Donald Trump nicht weiss, dass soeben auf den Präsidentschaftskandidaten geschossen wurde und dass es für das Attentat unzählige Augenzeugen gibt und auch Live-TV-Aufnahmen, könnte vielleicht meinen, er habe sich bei einem Sturz auf der Bühne verletzt. Das wäre aber nicht der wahre Sachverhalt, denn das Attentat hat effektiv stattgefunden.

Manipuliert wird, seit es Fotos gibt

Fotos bilden ab, was ist. Aber sie können auch manipuliert werden. Technisch ist dies im digitalen Zeitalter einfacher denn je. Aber auch schon vor 100 Jahren wurden Fotographien retouchiert, also nachträglich verändert, um einen anderen Sachverhalt vorzutäuschen. Berühmt ist eine Aufnahme von 1920 des russischen Fotografen Grigori Goldstein. Sie zeigt Lenin, der von dem Bolschoi-Theater in Moskau eine Rede vor Rotarmisten hält. Ebenfalls auf dem Originalfoto sind seine Mitstreiter Trotzki und Kamenew. Nach Lenins Tod 1924 bricht in der kommunistischen Führung ein Machtkampf aus, den Stalin gewinnt. Kamenew und später Trotzki lässt er umbringen, und das berühmte Foto so beschneiden, dass die zwei nicht mehr sichtbar sind. Später werden sie gänzlich aus dem Bild herausretouchiert.

Nicht alles, was echt wirkt, ist es auch

Schliesslich können Foto-Aufnahmen auch inszeniert sein. Dabei werden Objekte nach einem bestimmten Muster arrangiert, ohne dass dies dem Betrachter auffallen soll. Sie gaukeln eine Form der Authentizität vor, die es nicht gibt. Berühmt dafür ist das 1950 geschossene Foto «Der Kuss vor dem Hôtel de Ville» von Robert Doisneau, das weltberühmt wurde. Es zeigt ein wie zufällig sich küssendes Paar inmitten einer belebten Strassenszene. In Tat und Wahrheit handelt es sich um Schauspieler, die Szene wurde für die Aufnahme gestellt.

Mehr zu Bildmanipulation und wie man Fotos auf ihre Echtheit überprüft:

Wenn aus Jux bitterer Ernst wird
(Youtube)

KI-generierte Videos gehören inzwischen zum Alltag sämtlicher einschlägiger Plattform. Ob Tik-Tok, Youtube oder Instagram, sie sind omnipräsent. Meist handelt es sich um plumpe Fälschungen oder Manipulationen, die sehr einfach erkannt werden können. Eine viel zu grosse Katze etwa, ein Jumbo-Jet, der unter der Golden-Gate-Brücke durchfliegt, oder Kühe, die sich menschähnlich verhalten, sind lustig und harmlos. Anders verhält es sich bei sogenannten Deep fakes, die darauf abzielen, Menschen in ihren politischen Einstellungen zu beeinflussen, die demokratische Ordnung zu destabilisieren oder gar durch eine gezielte Emotionalisierung der Zuschauer Gewalt zu befördern.

Ein Beispiel ist das millionenfach geteilte Video von Jimm Falon, einem der bekanntesten Moderatoren von CNN. Er berichtet in gewohnt sachlicher Weise von einem russischen Atomwaffen-Angriff auf Berlin, den es gar nicht gegeben hat. Es ist eine derart gut gemachte Fälschung von Stimme, Mimik und Lippenbewegung, die selbst für Experten nicht mehr einfach zu erkennen ist. Wie also lassen sich solche Deep fakes für Laien erkennen?

Wir geben einige wenige Tipps und Verhaltensweisen.